John Owen: Puritaner und reformierter Anglikaner

John Owen (1616–1683) gilt vielen als der Fürst der englischen Puritaner, dessen theologische Werke bis heute Protestanten unterschiedlichster Prägung nähren. Umso überraschender mag die These klingen, die der anglikanische Theologe Lee Gatiss in einem Artikel für Reformation21 aufstellt: John Owen war Anglikaner. Diese historische Einordnung ist mehr als eine akademische Spitzfindigkeit; sie wirft ein erhellendes Licht auf das wahre Wesen des klassischen Anglikanertums, das im Kern biblisch, bekenntnistreu und reformiert ist.

Lee Gatiss legt dar, dass Owen nicht nur ein ordinierter Priester der Kirche von England war, der als Vikar in zwei Gemeinden diente, sondern auch Dekan der Christ Church Kathedrale in Oxford wurde. Obwohl er als Puritaner für seine Kritik an kirchlicher Hierarchie und Zeremonien bekannt war, stand er lehrmäßig fest auf dem Fundament des anglikanischen Bekenntnisses. Gatiss zitiert Owen selbst, der über die Neununddreißig Glaubensartikel schrieb: „…was rein lehrmäßig ist, nehmen wir voll und ganz an und halten beständig daran fest.“ Selbst nach seiner Amtsenthebung durch die Uniformitätsakte von 1662 bekräftigte er seine Treue zur Lehre der Kirche von England und bezeichnete die Reinheit dieser Lehre als den „Hauptruhm der englischen Reformation“.

Der Artikel verdeutlicht, dass Owens schärfste Kritik nicht der Kirche an sich galt, sondern ihrer Heuchelei. Er prangerte jene an, die bei Abweichungen von kirchenrechtlichen Äußerlichkeiten unnachgiebig waren, während sie schwere lehrmäßige Irrungen gegen die Glaubensartikel duldeten. Owen, so Gatiss, sah es als Skandal an, dass viele Kirchenführer „so eifrig für die Disziplin und so nachlässig in der Lehre der Kirche waren“. Für Owen war die Treue zur biblischen Lehre, insbesondere zur Rechtfertigung allein aus Glauben, das unantastbare Zentrum des kirchlichen Lebens.

Owens Beispiel ist eine eindringliche Mahnung, dass die wahre Identität einer Kirche nicht in ihrer Struktur, ihren Zeremonien oder ihrer institutionellen Kontinuität liegt, sondern in ihrem Festhalten am apostolischen Evangelium. Für Christen in Deutschland zeigt dies, dass der reformatorische Anglikanismus zutiefst eine Bekenntnisbewegung ist, deren Herzstück die in den 39 Artikeln zusammengefasste biblische Lehre ist. Auf diesem Fundament der Rechtfertigung allein aus Gnade, die Owen so sehr am Herzen lag, gründet sich unsere Gemeinschaft und unser Dienst.

Der vollständige Artikel von Lee Gatiss ist hier auf Englisch zu lesen: https://reformation21.org/john-owen-was-an-anglican-php/

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