Martin Bucer und das Book of Common Prayer

Für viele deutsche Christen mag die anglikanische Tradition fremd erscheinen, eng mit der englischen Geschichte verknüpft. Ein aufschlussreicher Artikel des Centre for Reformation Anglicanism erinnert uns jedoch daran, welch entscheidenden Beitrag ein deutscher Reformator, Martin Bucer aus Straßburg, zur Gestalt des reformierten Anglikanismus leistete. Seine Geschichte zeigt, dass die Wurzeln des klassischen anglikanischen Gebetbuchs tief in der gemeinsamen Erde der europäischen Reformation gründen.

Der Artikel berichtet, wie Erzbischof Thomas Cranmer den angesehenen Theologen Martin Bucer (1491-1551) nach England einlud, um an der Reformation der englischen Kirche mitzuwirken. Bucer, ein enger Freund und Mentor Johannes Calvins, genoss höchstes Ansehen. Laut dem Autor beschrieb Calvin ihn als einen Mann, „der aufgrund seiner profunden Gelehrsamkeit, seines reichhaltigen Wissens über eine Vielzahl von Themen, seines scharfen Verstandes … vom heutigen Tage an von niemandem übertroffen wird“.

Bucers Einfluss auf das Book of Common Prayer (BCP) war immens. Der Artikel führt aus, dass der Name „Book of Common Prayer“ von Bucer selbst stammt und dass die erste Ausgabe von 1549 in weiten Teilen auf seiner Kölner Liturgie basierte. Noch bedeutsamer waren seine Korrekturvorschläge für die Revision von 1552. In seiner Schrift „Censura“ übte er Kritik an der Fassung von 1549, was zur Überarbeitung von rund 25 Punkten führte. Ihm verdanken wir, so der Artikel, die Einführung eines Leseplans, der die gesamte Bibel im Laufe eines Jahres im Gottesdienst zu Gehör bringt, sowie die Beteiligung und die Antworten der Gemeinde, die bis heute für die anglikanische Liturgie charakteristisch sind.

Ein theologisch entscheidender Punkt war Bucers Kritik an der „Epiklese“ im Abendmahlsgebet von 1549 – der Anrufung des Heiligen Geistes, um Brot und Wein in Leib und Blut Christi zu verwandeln.

Bucer lenkte den Fokus dorthin, wo Christi wahre Gegenwart zu finden ist: „in den Herzen und der Zuneigung derer, die die Gnade des Sakraments im Glauben empfangen“.

In der Folge wurden die Epiklese sowie andere zeremonielle Gesten, die ein mittelalterlich-katholisches Verständnis der Realpräsenz nahelegten, in der Revision von 1552 entfernt.

Diese liturgischen Überzeugungen waren direkt im Evangelium verwurzelt, das Bucer selbst ergriffen hatte. Der Artikel erinnert an seine Teilnahme an der Heidelberger Disputation von 1518, bei der er Martin Luther hörte. Besonders Luthers 25. These habe ihn geprägt: „Nicht der ist gerecht, der viel tut, sondern der, der ohne Werke viel an Christus glaubt.“ Diese reformatorische Klarheit über Gesetz und Evangelium und die Rechtfertigung allein aus Glauben war die Triebfeder für Bucers Wirken – so sehr, dass die katholische Königin Maria Tudor seine Gebeine später exhumieren und verbrennen ließ.

Bucers Geschichte ist eine eindrückliche Erinnerung daran, dass die wahre Einheit der Kirche nicht auf nationalen oder konfessionellen Grenzen beruht, sondern auf dem gemeinsamen Festhalten am biblischen Evangelium. Seine Arbeit am Gebetbuch zeigt, wie reformatorische Theologie die gottesdienstliche Praxis formen muss, damit jede Liturgie klar von der Gnade Gottes in Christus zeugt. Dieses gemeinsame Erbe ermutigt uns heute, über unsere eigenen Traditionen hinauszublicken und Gemeinschaft auf dem Fundament der Schrift zu suchen und zu leben.

Der vollständige Originalartikel ist in englischer Sprache auf der Webseite des Centre for Reformation Anglicanism zu lesen: https://www.anglicanism.info/writing/bucer-and-the-prayer-book

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