Wie ist Gott? Warum die Eigenschaften Gottes für unseren Glauben entscheidend sind

In einem erhellenden Artikel für Crossway.org geht der anglikanische Theologe Gerald Bray einer oft vernachlässigten Frage nach: den Eigenschaften Gottes. Obwohl der Begriff akademisch klingen mag, zeigt Bray, dass ein klares Verständnis davon, wer Gott ist, nicht nur eine theologische Übung ist, sondern das Fundament unseres Glaubens und unserer Beziehung zu ihm. Es bewahrt uns davor, einem selbstgemachten Götzenbild nachzulaufen, und führt uns zu dem lebendigen Gott der Heiligen Schrift.

Bray stellt zunächst fest, dass wir selten über Gottes Eigenschaften wie seine Unsichtbarkeit oder Unsterblichkeit sprechen, weil wir sie für selbstverständlich halten. Doch diese Annahme ist gefährlich. Der Autor schreibt: „Gerade weil etwas offensichtlich erscheint, heißt das nicht, dass es unwichtig ist. […] Wenn wir zum Beispiel dächten, Gott sei sichtbar, wären wir versucht, Bilder von ihm anzubeten, und das wäre Götzendienst, den die Bibel als eine der schlimmsten Sünden ansieht.“ Die Unsichtbarkeit Gottes ist also keine Nebensächlichkeit, sondern eine wesentliche Voraussetzung für seine Allgegenwart und den wahren Gottesdienst.

Eine komplexere Eigenschaft ist laut Bray die „Unbegreiflichkeit“ Gottes. Dies bedeute nicht, dass Gott keinen Sinn ergebe, sondern dass wir ihn weder physisch noch mental vollständig „erfassen“ können. Er vergleicht dies mit menschlichen Beziehungen: Selbst die Menschen, die uns am nächsten stehen, verstehen wir nie zur Gänze, und doch bemühen wir uns, sie in Liebe besser kennenzulernen. Um wie viel mehr gilt das für Gott, der sich uns in seinem Wort offenbart hat und uns genug von sich wissen lässt, um eine echte Beziehung mit ihm zu haben.

Der entscheidende Punkt in Brays Ausführungen ist die Unterscheidung zwischen Gottes wesentlichen Eigenschaften, die er nicht mit uns teilt (wie seine Unsichtbarkeit), und seinen relationalen Eigenschaften, an denen er uns aus Gnade Anteil geben kann. Diese Unterscheidung wird besonders deutlich bei der Frage nach Gottes Leidensfähigkeit (Impassibilität). Bray erklärt meisterhaft, wie Gottes Wesen und seine Liebe zusammenwirken:

„In seinem Wesen kann Gott nicht leiden, denn das würde bedeuten, dass er einer äußeren Kraft unterworfen ist, die ihm schaden kann. Aber das ist unmöglich. […] Auf der Beziehungsebene jedoch kann und ‚fühlt‘ Gott unseren Schmerz, wenn wir es so ausdrücken können. Er ist kein gefühlloser Automat, sondern ein lebendiges Wesen, das in allen Höhen und Tiefen unseres Lebens mit uns in Beziehung steht. […] Gott ist in seinem eigenen Sein leidensunfähig, aber er ist gleichzeitig relational mit uns verbunden. Das bedeutet, dass er die Macht hat, uns zu retten, weil es keine Macht im Himmel oder auf Erden gibt, die größer ist als er, aber auch, dass er motiviert ist, dies zu tun, weil er uns liebt. Fügen Sie diese beiden Dinge zusammen, und Sie haben die Botschaft des Evangeliums. Seine allmächtige Kraft ermöglicht es ihm, uns in Liebe zu begegnen und uns von unseren Sünden zu erretten.“

Brays Darlegung ist eine kraftvolle Erinnerung daran, dass gesunde Theologie zutiefst seelsorgerisch ist. Gerade weil Gott in seinem Wesen unveränderlich und souverän ist – nicht unseren emotionalen oder physischen Schwankungen unterworfen –, ist er ein Fels und ein verlässlicher Retter. Das Evangelium offenbart keinen fernen, unbewegten Gott, sondern den Gott, dessen souveräne Unfähigkeit zu leiden die sichere Grundlage für seine Fähigkeit ist, sich uns in Christus liebevoll zuzuwenden und uns wirksam zu erlösen.

Der Originalartikel von Gerald Bray ist auf Crossway.org erschienen. Sie können ihn hier vollständig lesen: https://www.crossway.org/articles/4-questions-about-the-attributes-of-god/

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