Weltkulturerbe Evensong? Vom wahren Wert eines anglikanischen Schatzes

Während in Deutschland über die Zukunft kirchlicher Traditionen debattiert wird, kommt aus England ein Vorschlag, der aufhorchen lässt: Das anglikanische gesungene Abendgebet, der Evensong, soll den Status eines immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO erhalten.

Wie die britische Zeitung The Telegraph berichtet, haben sich mehrere Organisationen, teils mit Unterstützung des Königshauses, dieser Initiative verschrieben. Ihr Ziel sei es, so der Artikel, dieses einzigartige Erbe anglikanischer Kirchenmusik für die kommenden Jahrhunderte zu bewahren und zu feiern. Der Evensong, der in vielen Kathedralen und Kirchen täglich gebetet und gesungen wird, ist eine feste Größe im geistlichen Leben Englands und ein kultureller Anziehungspunkt.

Diese Initiative wirft eine faszinierende Frage auf: Was genau ist der Wert, den es hier zu bewahren gilt? Zweifellos ist die musikalische Tradition, die Komponisten von Thomas Tallis bis Herbert Howells umfasst, ein Kulturschatz von Weltrang. Doch wer den Evensong auf seine Ästhetik reduziert, verkennt seinen eigentlichen Kern. Sein tiefster Wert liegt nicht in der Musik, sondern in dem Wort Gottes, das durch die Musik getragen, meditiert und verkündet wird.

Der Evensong ist im Wesentlichen das Stundengebet der Kirche in liturgisch-musikalischer Form. Seine feste Struktur aus Psalmen, Schriftlesungen und den neutestamentlichen Lobgesängen – dem Magnificat (dem Lobgesang der Maria) und dem Nunc dimittis (dem Lobgesang des Simeon) – durchdringt die Seele mit biblischen Wahrheiten. Er erzählt Abend für Abend die Geschichte von Gottes Verheißung und Erfüllung in Jesus Christus. Er ist kein Konzert, sondern Gebet; keine Darbietung, sondern Anbetung.

Ob eine weltliche Anerkennung durch die UNESCO diesem geistlichen Erbe gerecht werden kann, ist eine offene Frage. Die Gefahr besteht, dass der Evensong zu einem musealen Kulturgut wird, das man bestaunt, statt es mitzubeten. Sein wahrer und bleibender Wert liegt jedoch nicht in seiner kulturellen Bedeutung, sondern in seiner Funktion als ein Mittel der Gnade: eine Einladung, den Tag vor dem dreieinigen Gott zu beschließen, sein Wort zu hören und ihm in der Schönheit geheiligter Musik die Ehre zu geben.

Quelle: Anglican Mainstream

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