Christliche Antwort auf „Wokeness“: Zwischen Klarheit und Gnade

Die Debatte um „Wokeness“ hat in den letzten Jahren auch im evangelikalen Kontext für viel Verwirrung und Besorgnis gesorgt. Wie können Christen angesichts der komplexen Fragen zu Rasse, Sexualität und Macht biblisch fundiert und zugleich barmherzig agieren? Ein aktueller Artikel von Tyler Hurst auf „The Gospel Coalition“ gibt Einblicke in ein neues Buch, das Orientierung bieten möchte.

Hurst bespricht das Werk „Post Woke: Asserting a Biblical Vision of Race, Gender, and Sexuality“ von Neil Shenvi und Pat Sawyer. Die Autoren definieren „Woke“ unvoreingenommen als „den zeitgenössischen kulturellen Ausdruck von Ideen, die in dem jahrzehntealten philosophischen und soziologischen Rahmen der kritischen Tradition verwurzelt sind.“ Sie betonen, dass „Wokeness“ kein vorübergehendes Phänomen sei, von dem Christen annehmen sollten, es werde „einfach verschwinden.“

Ein zentraler Punkt, den Hurst hervorhebt, ist die anhaltende Anziehungskraft kritischer Theorie, selbst wenn eine allgemeine Unzufriedenheit in der Populärkultur spürbar wird:

Es wäre ein Fehler, die Stimmungswende als das Ende der zeitgenössischen kritischen Theorie zu betrachten.

Der Reiz von „Wokeness“ liegt, so Shenvi und Sawyer, darin, dass es „Rassismus und Sexismus ernst nimmt. Es beleuchtet beschämende, aber leider sehr reale Episoden in der Vergangenheit unserer Nation. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf weit verbreitete rassische Ungleichheiten und die gegenwärtige Misshandlung von Frauen. Es drückt Liebe und Sorge für die Verwundbaren aus. Es lehnt Unterdrückung und Ungerechtigkeit ab. Es positioniert sich als mitfühlend. Es füllt die spirituelle Leere, die durch die kulturelle Verdrängung des Christentums entstanden ist.“ Junge Evangelikale erleben oft, dass ihre Bildungswege bezüglich Rasse und Geschichte unzureichend waren und „wachen auf zu realen Ungerechtigkeiten, denen sie zuvor nicht begegnet waren.“

Die Autoren der Rezension betonen die Notwendigkeit tiefer Jüngerschaft. Es gehe nicht nur darum, die intellektuellen Mängel von „Wokeness“ aufzudecken, sondern eine „robuste biblische Vision für Rasse, Geschlecht und Sexualität“ zu entwickeln. Dazu gehört, die Bibel gut zu kennen und sich intensiv mit systematischer Theologie auseinanderzusetzen, zum Beispiel durch das Studium guter Kirchenbekenntnisse. Das Ziel sei nicht, „Anti-Woke-Krieger“ im Schnellverfahren auszubilden, sondern „die Person zu gewinnen“, nicht nur ein Argument. Es ist ein „langes Spiel“, das Geduld und Weisheit erfordert.

Hurst äußert jedoch eine bedenkenswerte Sorge: Die „Hypervigilanz bei der Entdeckung ihres Einflusses“, zu der das Buch aufruft, könnte zu Missverständnissen und übermäßiger Kritik an treuen Leitern und Institutionen führen, „ohne einen klaren Weg zur Wiederherstellung.“ Er wünscht sich mehr Betonung darauf, wie man „gottesfürchtig mit Institutionen und Einzelpersonen versöhnt werden kann, sobald Bedenken angesprochen wurden.“

Diese Beobachtung ist von entscheidender Bedeutung für uns. Während wir als Christen biblische Klarheit suchen und für Wahrheit eintreten müssen, dürfen wir niemals die Gnade und die Notwendigkeit der Versöhnung aus dem Blick verlieren. Unser Zeugnis soll von Demut und Liebe geprägt sein, auch wenn wir schwierige Wahrheiten ansprechen. Die Nachfolge Jesu Christi bedeutet, sowohl wachsam als auch barmherzig zu sein, stets darauf bedacht, dem Evangelium in Wort und Tat gerecht zu werden.

Quelle: The Gospel Coalition

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