Kein eigenes Bekenntnis? Über die konfessionelle Identität des Anglikanismus
In einer Zeit theologischer Unklarheit ist die Frage nach der kirchlichen Identität für viele Christen in Deutschland von großer Bedeutung. Ein anregender Artikel auf der Webseite anglicanism.info greift ein weit verbreitetes Missverständnis über den Anglikanismus auf, das auch seine reformatorischen Wurzeln verdunkelt. Es geht um die entscheidende Frage: Ist die anglikanische Kirche eine Kirche ohne eigenes Bekenntnis, oder steht sie auf einem festen konfessionellen Fundament?
Der Autor des Artikels äußert sein Unbehagen über ein Zitat von Erzbischof Geoffrey Fisher (1887–1972), das auf der Webseite der Anglican Church in North America (ACNA) zu finden ist. Dieses Zitat soll die Frage „Was ist Anglikanismus?“ beantworten, tut dies aber auf eine Weise, die der Autor für zutiefst irreführend hält. Fisher wird mit den Worten zitiert:
„Die Anglikanische Gemeinschaft hat keinen eigenen besonderen Gedanken, keine eigene Praxis, kein eigenes Glaubensbekenntnis oder Bekenntnis. Sie hat nur den katholischen Glauben der alten katholischen Kirche, wie er in den katholischen Glaubensbekenntnissen bewahrt und in der katholischen und apostolischen Verfassung der Kirche Christi von Anfang an aufrechterhalten wurde.“
Diese Aussage, so der Artikel, sei eine gefährliche Vereinfachung, die den Anglikanismus auf eine Art „Die Bibel ist mein Bekenntnis“-Mentalität reduziere. Sie ignoriere die historischen Bekenntnisgrundlagen wie die Neununddreißig Artikel, das Book of Common Prayer von 1662 und die Homilienbücher. Der Autor widerspricht Fishers Behauptung entschieden und stellt klar: „Tatsächlich sind wir bekenntnisorientiert und waren es von Anfang an.“
Der Artikel führt aus, dass die Neununddreißig Artikel von Thomas Cranmer zur selben Zeit und mit derselben Absicht wie die großen kontinentalen reformatorischen Bekenntnisse verfasst wurden: „zur Vermeidung von Meinungsverschiedenheiten und zur Herstellung von Einigkeit in Bezug auf die wahre Religion“. Ihre Struktur – gegliedert in katholische (dh. universelle), protestantische und anglikanische Artikel – zeige ihre logische und umfassende Natur. Ihre Autorität wird bis heute in vielen Teilen der anglikanischen Welt bekräftigt, von den Canones der Kirche von England über die Verfassung der ACNA bis hin zur Jerusalem-Erklärung (GAFCON, 2008), die festhält, dass die Neununddreißig Artikel „die wahre Lehre der Kirche in Übereinstimmung mit Gottes Wort enthalten und für Anglikaner heute maßgeblich sind“.
Diese Auseinandersetzung beleuchtet eine wichtige theologische Wahrheit: Der Glaube der Kirche, allein in der Heiligen Schrift gegründet, bedarf zu allen Zeiten einer klaren, bekenntnishaften Formulierung, um die Wahrheit zu bewahren und dem Irrtum zu wehren. Für Christen im deutschsprachigen Raum, die oft zwischen landeskirchlicher Weite und freikirchlicher Formlosigkeit nach Orientierung suchen, zeigt sich hier der Wert einer Tradition, die sowohl liturgisch reich als auch biblisch-reformatorisch profiliert ist. Der reformierte Anglikanismus bietet somit keine vage Spiritualität, sondern ein theologisches Zuhause mit tiefen Wurzeln und klarem Bekenntnis zum Evangelium.
Der Originalartikel „Not Confessional!“ ist hier zu lesen: https://www.anglicanism.info/writing/not-confessional
