Rechtfertigung ist kein Denkmodell, sondern ein Lebensraum
Wer am Montagmorgen in den Spiegel schaut und das Gewicht der eigenen Unzulänglichkeit spürt, betreibt keine theoretische Theologie. In diesem Moment ist die Frage nach unserer Geltung vor Gott keine akademische Übung, sondern eine Existenzfrage. Oft behandeln wir die reformatorische Entdeckung der Rechtfertigung wie ein historisches Exponat – kostbar, aber im Alltag ohne Funktion. Doch Martin Luther sah das anders.
In einem kurzen, aber dichten Impuls auf TheoBlog wird Albrecht Peters zitiert, der das Wesen der lutherischen Rechtfertigungslehre präzise auf den Punkt bringt. Laut Peters ist die Rechtfertigung für Luther weder eine bloße „dogmatische Lehre“ noch ein „denkerisches Axiom“. Vielmehr beschreibt sie unseren „faktischen Ort“: Wir befinden uns in einer permanenten Spannung zwischen zwei Realitäten.
Weil sie uns aufmerksam macht auf unseren faktischen Ort unter Gottes Gerichtsurteil im Gesetz und unter Gottes Gnadenzusage im Evangelium, wird bei Luther die Rechtfertigung weder zu einer dogmatischen Lehre unter anderen Lehrpunkten noch zu einem denkerischen Axiom.
Dieser „faktische Ort“ ist das Kraftfeld, in dem sich christliches Leben abspielt. Der Autor macht deutlich, dass die Rechtfertigung uns davor bewahrt, in eine von zwei Sackgassen zu geraten: die Werkgerechtigkeit, die versucht, das Gerichtsurteil des Gesetzes durch eigene Anstrengung zu entkräften, oder die Gesetzlosigkeit, die Gottes heiligen Anspruch ignoriert. Peters’ Beobachtung erinnert uns daran, dass der Glaube nicht in einem luftleeren Raum stattfindet, sondern genau dort, wo das „Schuldig“ des Gesetzes auf das „Begnadigt“ des Evangeliums trifft.
Für uns heute bedeutet das eine heilsame Ernüchterung. Wer die Rechtfertigung als bloßes Konzept missversteht, verfällt schnell einem statischen Christsein. Man „besitzt“ dann die Lehre, aber sie formt einen nicht mehr. Wenn wir jedoch verstehen, dass wir täglich unter dem Gericht des Gesetzes stehen – das unsere Selbstsucht und unseren Hochmut entlarvt –, gewinnt die Gnadenzusage ihre lebensnotwendige Schärfe zurück. Das Evangelium ist kein sanftes Ruhekissen für Selbstgerechte, sondern der rettende Zuspruch für denjenigen, der unter der Wahrheit des Gesetzes zusammenbricht.
Diese biblische Spannung ist das Immunsystem der Gemeinde. Sie verhindert, dass wir die Gnade „billig“ machen, wie es Bonhoeffer nannte, und schützt uns gleichzeitig davor, unter der Last moralischer Forderungen zu verzweifeln. Die Rechtfertigung ist die tägliche Rückkehr zu der Gewissheit, dass Gottes letztes Wort über uns nicht unser Versagen ist, sondern sein Christus. Dieser Ort zwischen Gericht und Verheißung ist der einzige Boden, auf dem echte Buße und befreite Dankbarkeit wachsen können.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob wir die Lehre der Rechtfertigung korrekt wiedergeben können, sondern ob wir bereit sind, an diesem Ort zu bleiben: ehrlich unter dem Gesetz und hoffnungsvoll unter der Gnade.
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