Glaube ist kein philosophisches System, sondern ein gelebtes Vertrauen

Wer Francis Schaeffer liest, erwartet oft messerscharfe Kulturanalysen und eine Verteidigung der absoluten Wahrheit. Doch kurz vor seinem Tod im Jahr 1984 blickte der Apologet auf ein tiefer liegendes Problem: die Gefahr, dass Christen zwar die richtige Weltanschauung im Kopf tragen, aber im Alltag wie praktische Atheisten leben.

Der Artikel auf TheoBlog.de greift eine Beobachtung von Bruce A. Little auf, der Schaeffers Sorge in dessen letzten Lebensjahren beschreibt. Laut Little war Schaeffer alarmiert darüber, dass Gläubige die Souveränität Gottes zwar dogmatisch bekennen, in der konkreten Lebensführung jedoch kaum mit seinem Eingreifen rechnen. Der Autor zitiert Schaeffer aus dessen späten Vorworten, in denen er betont, dass das Christentum keine abstrakte Theorie ist, sondern die Realität einer lebendigen Beziehung zum Schöpfer widerspiegeln muss.

Schaeffer warnt davor, die Bibel lediglich als intellektuelles Koordinatensystem zu missbrauchen. Der Kern des Problems ist laut dem Beitrag eine Form von „religiösem Humanismus“, bei dem der Mensch zwar christliche Begriffe verwendet, aber letztlich versucht, sein Leben aus eigener Kraft und nach eigenen Plänen zu bewältigen. Wahre Spiritualität zeigt sich dagegen im „Moment-für-Moment-Vertrauen“ auf die Verheißungen Gottes.

Glaube bedeutet nicht, ein System von Wahrheiten zu akzeptieren, sondern dem lebendigen Gott in der konkreten Situation des Hier und Jetzt zu gehorchen und auf ihn zu setzen.

Diese Analyse trifft einen wunden Punkt moderner Kirchlichkeit. Wir neigen dazu, den Glauben in zwei Sphären zu teilen: eine theologische Kammer für den Verstand und eine pragmatische Kammer für das tägliche Handeln. Doch eine reformierte Theologie, die diesen Namen verdient, kennt keine solche Trennung. Wenn wir bekennen, dass Christus der Herr über alle Bereiche des Lebens ist, dann muss sich dies in einer Haltung der Abhängigkeit äußern, die das Gebet und das Warten auf Gott nicht als frommes Extra, sondern als existentielle Notwendigkeit begreift.

Biblisch gesehen ist Rechtfertigung allein durch den Glauben (sola fide) niemals nur ein juristischer Akt der Vergangenheit. Sie setzt eine Lebensbewegung in Gang, die Paulus im Galaterbrief beschreibt: „Was ich aber jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes“. Das Vertrauen, von dem Schaeffer spricht, ist die praktische Anwendung der Bundesbeziehung, in der Gott uns zugesagt hat, unser Gott zu sein. Wer meint, die „reine Lehre“ zu besitzen, ohne die Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist im Alltag zu suchen, besitzt am Ende nur eine tote Hülle.

Die Herausforderung für uns heute besteht darin, die intellektuelle Redlichkeit, für die Schaeffer stand, nicht gegen die geistliche Vitalität auszuspielen. Ein robuster Glaube braucht beides: das feste Fundament der Schrift und das zittrige Vertrauen des Kindes, das im Sturm die Hand des Vaters sucht. Wahre Orthodoxie erweist sich erst in der Praxis der Gegenwart Gottes.

Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: theoblog.de

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