Das fehlende ‚L‘ im Gebet: Warum Klage lebenswichtig ist

Das Akronym A.C.T.S. – Adoration (Anbetung), Confession (Bekenntnis), Thanksgiving (Danksagung), Supplication (Bitte) – prägt seit Generationen die Gebetspraxis vieler Christen. Es bietet eine hilfreiche Struktur, um ins Gespräch mit Gott zu kommen. Doch ist diese Formel vollständig? Graham Cole argumentiert in seinem Artikel, dass ein entscheidendes Element fehlt, ohne das unser Gebet schnell unrealistisch und pastoral unzureichend wird.

Cole, ein erfahrener Theologe, erkennt an, dass jede Komponente von A.C.T.S. biblisch fundiert ist und ihren Platz im Gebet hat. Doch nach vielen Jahren im Glauben stellt er fest: „Es fehlt eine Praxis des biblischen Betens, und ohne sie kann das christliche Beten unreal und pastoraler unhilfreich werden.“

Was Cole vermisst, ist ein „L“: Lament – das Klagegebet. Er nennt das Fehlen unrealistisch, denn unser Leben ist von Tragödien gezeichnet. Er nennt Beispiele wie ein Paar, das durch einen Unfall ein Baby verlor, oder eine Gemeinde, die durch Vertrauensbruch des Pastors erschüttert wird. Wenn wir in solchen Momenten nur „glückliche“ Dinge sagen und Lobeslieder singen, widerspricht dies der menschlichen Erfahrung. Es ist unhilflich, so Cole, weil es Gottes Volk die Sprache für tiefe Wut und Trauer vor Gott nimmt. Interessanterweise macht er darauf aufmerksam, dass die Klagepsalmen die größte Gruppe im Buch der Psalmen bilden. Klage ist ein biblischer Weg, unsere Verwirrung, Überforderung und Verzweiflung vor Gott auszudrücken.

Ein gutes Beispiel dafür ist Psalm 13, der mit der tiefen Klage beginnt: „Wie lange, Herr? Wirst du mich für immer vergessen? Wie lange verbirgst du dein Angesicht von mir?“ Doch er endet in Vertrauen und Lob: „Aber ich vertraue auf deine unfehlbare Liebe; mein Herz jubelt über deine Rettung. Ich werde dem Herrn Lob singen, denn er hat mir Gutes getan.“ Auch im Neuen Testament finden wir Klage: Jesus selbst rief am Kreuz die Worte aus Psalm 22,1 aus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Auch dieser Psalm, so Cole, führt von der tiefsten Verzweiflung zum Vertrauen in Gottes Souveränität. Der Weg vom zweifelnden Leiden zum robusten Vertrauen dürfe nicht abgekürzt werden, betont der Autor.

Cole’s Beobachtung betont eine entscheidende Wahrheit für ein authentisches, biblisches Christsein. Ein robuster Glaube, fest in Gottes Souveränität verankert, scheut sich nicht, die harsche Realität des Leidens in einer gefallenen Welt anzuerkennen. Im Gegenteil: Gerade weil wir wissen, dass Gott allmächtig ist und alles in seinen Händen hält, dürfen wir mit unserer tiefsten Not, mit Wut und Trauer, kühn vor ihn treten. Klage ist kein Indiz mangelnden Glaubens, sondern ein tiefer Akt des Vertrauens – wir bringen unsere zerbrochene Realität zu dem, der allein heilen und wiederherstellen kann. Unser Herr Jesus Christus ist unserem Schmerz nicht fremd; er ist unser Hohepriester, der mit uns leidet (Hebräer 4,15-16). Seine Klage am Kreuz ist die ultimative Offenbarung von Gottes Identifikation mit menschlichem Leid und ebnet uns den Weg, ihm unsere Lasten anzuvertrauen. Das fordert uns heraus, in Gemeinden und im persönlichen Gebet Räume für ehrliche Klage zu öffnen – einen Weg durch das Tal des Schmerzes, der zum erneuerten Lob führt.

Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: The Gospel Coalition of Australia

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