Die Bibel im Herzen des Book of Common Prayer: Ein Erbe voller Wort Gottes
Wie tief muss ein Text in das geistliche Leben einer Gemeinschaft verwoben sein, damit er über Jahrhunderte hinweg seine prägende Kraft behält? Das Book of Common Prayer (BCP) bietet darauf eine bemerkenswerte Antwort, denn es ist nicht nur eine Sammlung von Gebeten, sondern ein Echo der Schrift selbst, das Generationen von Gläubigen geformt hat.
Der Artikel von Ben Jefferies beleuchtet die untrennbare Verbindung zwischen dem BCP und der Bibel, eine Beziehung, die sich über Jahrhunderte entwickelt und verfestigt hat. Er zeigt auf, wie das BCP seit seiner ersten Ausgabe 1549 stets tief in biblischem Text verwurzelt war – nicht nur durch direkte Zitate und Bibelverse, sondern auch durch die vollständige Aufnahme von Episteln, Evangelien und dem gesamten Psalter.
Der Autor führt durch die Geschichte der Übersetzungsentscheidungen: Das erste BCP von 1549 bezog seine Texte hauptsächlich aus der „Great Bible“, auch wenn Thomas Cranmer eigene, charakteristische Übersetzungen einfließen ließ. Bei der Überarbeitung von 1662 wurden die Lesungen an die neuere King James Bible (KJV) angepasst. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildete jedoch der Psalter, übersetzt von Myles Coverdale. Diese Psalmen waren so tief in den Herzen der Beter verankert, dass sie beibehalten wurden. Dies illustriert die tiefe formative Kraft von vertrauten Texten im Gottesdienst.
Jefferies unterstreicht die historische Beständigkeit dieser Tradition, indem er auf alte keltische Handschriften und die Verwendung lateinischer incipits (wie „Non Nobis“ für Psalm 115 oder „Miserere“ für Psalm 51) verweist. Diese zeigen, dass die Verbundenheit mit alten, liebgewonnenen Texten weit in die Geschichte zurückreicht und bis heute ihre Spuren in der kirchlichen Erinnerung hinterlässt.
Das jüngste BCP der ACNA stammt von 2019 und führt diese Tradition fort, indem es die Bibeltexte weitgehend an die English Standard Version (ESV) anpasst. Hier wurden jedoch einige wenige, tief verwurzelte Formulierungen aus früheren Gebetbüchern bewusst beibehalten. Die Wahl der ESV basierte laut Autor auf ihrer Genauigkeit, ihrer weiten Verbreitung in ACNA-Gemeinden, der Mitwirkung von J.I. Packer im Übersetzungsteam und der Rückbesinnung auf eine kontinuierliche Tradition. Auch hier blieben die Psalmen eine Ausnahme: Statt den ESV-Psalter zu übernehmen, wurde der Coverdale-Psalter in einer überarbeiteten Fassung („The New Coverdale Psalter“) beibehalten, um die reiche Tradition des englischen Psalmengesangs zu bewahren und weil er besser für den gemeinsamen Gesang geeignet ist.
Was der Artikel von Ben Jefferies so eindringlich vor Augen führt, ist nicht nur eine historische Entwicklung, sondern ein tiefes theologisches Prinzip: Die Liturgie ist ein Gefäß für das Wort Gottes, das über Generationen hinweg Gläubige formt und unterweist. Die Sorgfalt, mit der biblische Texte ausgewählt, übersetzt und überarbeitet – oder eben auch bewusst in ihrer alten Form bewahrt – wurden, zeugt von einem tiefen Verständnis für die Autorität und die prägende Kraft der Schrift.
Das Festhalten am Coverdale-Psalter, trotz der Verfügbarkeit neuerer, akkuraterer Übersetzungen für die Lesungen, ist kein Rückschritt. Es ist vielmehr ein Zeugnis dafür, wie Gottes Wort, wenn es in unseren Herzen und Mündern lebendig wird, eine eigene Resonanz entwickelt. Die reformierte Tradition betont die Hinlänglichkeit der Schrift und die Notwendigkeit, das Wort Gottes zu hören, zu lesen, zu predigen und zu beten. Das BCP tut genau das. Es bringt uns nicht nur dazu, die Bibel zu kennen, sondern sie in unseren Alltag zu beten, sie in unseren Gottesdienst zu singen und sie in unsere Seelen einzuprägen.
Diese Praxis, die in Kolosser 3,16 ihre theologische Grundlage findet – „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen in aller Weisheit; lehret und ermahnt euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern und singet dem Herrn in eurem Herzen dankbar“ –, macht das BCP zu einem mächtigen Werkzeug der Jüngerschaft. Es erinnert uns daran, dass der Gottesdienst nicht nur ein Ort der Belehrung, sondern auch der Formung ist. Indem wir biblisch gesättigte Gebete und Psalmen sprechen und hören, werden wir selbst zu Trägern und Weitergebern dieser biblischen Tradition.
Die Kontinuität über Jahrhunderte, die sorgfältige Berücksichtigung von Genauigkeit (ESV) und gleichzeitig von liebgewonnener, einprägsamer Formulierung (Coverdale-Psalter), offenbart eine pastorale Weisheit, die das unverrückbar biblische Fundament der anglikanischen Spiritualität unterstreicht. Es ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie sola Scriptura im Gottesdienst Gestalt annimmt: Das Wort Gottes ist nicht nur ein Buch, das gelesen wird, sondern die Luft, die wir atmen, der Rahmen, in dem wir uns bewegen, und der Gesang, der unsere Herzen zu Christus erhebt.
Das Allgemeine Gebetsbuch ist somit mehr als eine historische Kuriosität; es ist ein bleibendes Zeugnis für die Kraft und Relevanz der Schrift, die auch heute noch unsere Gebete, unseren Lobpreis und unser ganzes Leben prägen kann. Durch tägliches Gebet und Gottesdienst wird so die zeitlose Wahrheit des Evangeliums tief in unsere Herzen und unser Leben eingeschrieben.
Der vollständige Artikel ist in Übersetzung hier zu lesen: Ben Jefferies
