Wenn das ‚Ich‘ das Evangelium neu schreibt: Eine Kritik am expressiven Individualismus

Das Evangelium verkündet eine Botschaft der Erlösung und Identität, die ihren Ursprung nicht im menschlichen Selbst hat. Doch der ‚expressive Individualismus‘ droht diese fundamentale Wahrheit zu untergraben. Diese Weltanschauung, die das ‚wahre Ich‘ im Inneren sucht und dessen freie Entfaltung über alles stellt, beeinflusst zunehmend auch die Kirche und ihre Lehre.

Ein Beitrag auf TheoBlog.de macht auf eine kritische Diskussion zwischen Michael Horton und Tim Keller aufmerksam. Sie untersuchten, wie der expressive Individualismus die Kirche und sogar ihre Lehren zu prägen beginnt. Der Autor des TheoBlog stimmt dieser Analyse zu, und das zu Recht.

Expressiver Individualismus versteht Identität als eine innere, selbsterschaffene Wahrheit, die dann authentisch nach außen gelebt werden muss. Gefühle und subjektive Erfahrungen werden dabei zum ultimativen Maßstab. Wenn diese Sichtweise die christliche Spiritualität infiziert, verschiebt sie das Evangelium fundamental. Statt uns als durch den Sündenfall entfremdete Geschöpfe zu erkennen, die objektive Erlösung von Gott in Christus brauchen, wird unser Hauptproblem neu definiert: Es ginge darum, nicht authentisch genug zu sein oder die ‚wahre Bestimmung‘ noch nicht entdeckt zu haben.

Das biblische Zeugnis jedoch legt ein radikal anderes Fundament. Unsere Identität wurzelt nicht in einem selbsterschaffenen ‚Ich‘, sondern in unserer Schöpfung durch Gott, unserem Fall in Sünde und, für Gläubige, in unserer Erlösung und Neuschöpfung in Christus. Der Ruf ergeht nicht, eine ‚wahre Identität‘ zu erfinden, sondern die von Gott geschenkte Identität als Kind Gottes in Jesus Christus durch Glaube und Taufe anzunehmen. Es ist keine Reise ins Innere zur Selbstdefinition, sondern eine Ausrichtung nach dem Äußeren: auf den Herrn Jesus Christus und sein vollendetes Werk am Kreuz.

Dieser Individualismus greift auch das Wesen der Kirche an. Die Schrift beschreibt die Kirche als den Leib Christi, eine durch den Heiligen Geist geeinte und zusammenwachsende Gemeinschaft (Eph 4,16). Wo jedoch expressiver Individualismus dominiert, verkommt die Gemeinde leicht zu einer Ansammlung von Menschen, die primär ihren individuellen spirituellen Bedürfnissen folgen. Sie verlieren das Verständnis, Glieder eines gemeinsamen Leibes zu sein, einander zu dienen, sich der Autorität der Schrift unterzuordnen und Gott gemeinsam anzubeten. Auch die Sakramente – Taufe und Abendmahl – die uns Christus objektiv in der Gemeinschaft begegnen lassen, laufen Gefahr, zu rein subjektiven, emotionalen Erlebnissen degradiert zu werden. Ihre Bedeutung hängt dann vom individuellen Gefühl ab, statt von Gottes unwandelbarer Verheißung und Handlung.

Ein robustes reformiert-anglikanisches Verständnis hingegen betont die objektive Realität von Gottes Gnadenhandeln durch Wort und Sakrament, die göttliche Souveränität und die höchste Autorität der Heiligen Schrift. Es fordert uns auf, unser Leben nicht auf flüchtige Gefühle oder selbstdefinierte Wahrheiten zu bauen, sondern auf das unwandelbare Wort Gottes, das in Christus Jesus Mensch geworden ist. Wahre Authentizität liegt nicht in der Verwirklichung des eigenen Ichs, sondern in der demütigen und freudigen Unterordnung unter Christus und in der tiefen Gemeinschaft mit den Heiligen. Das Evangelium ist keine Einladung zur Selbsterfindung. Es ist die frohe Botschaft der Erlösung für Sünder, die eine neue Identität in Christus finden – eine Identität, nicht selbst gemacht, sondern von Gott geschenkt. Eine Identität, die uns wirklich frei macht.

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