Imperium oder Unendlichkeit? Der digitale Turmbau und unser Hunger nach Erlösung

Hinter den glatten Oberflächen moderner KI-Apps geraten die dahinterliegenden Ambitionen oft aus dem Blick. Andrew Wilson lenkt die Aufmerksamkeit in seiner Analyse zweier Bestseller weg von der technischen „Blackbox“ hin zu den Narrativen unserer Zukunft: Dient künstliche Intelligenz imperialer Macht oder dem Überwinden menschlicher Grenzen?

Dabei prallen gegensätzliche Sichtweisen aufeinander. In Karen Haos Empire of AI erscheint der Aufstieg von OpenAI als Fallstudie eines Techno-Imperialismus, in dem das Silicon Valley Daten, Energie und Wasser extrahiert, um die eigene Macht zu festigen. Sebastian Mallaby zeichnet in The Infinity Machine ein anderes Bild: Er porträtiert Demis Hassabis von Google DeepMind als messianischen Innovator, dem es weniger um Profit als um wissenschaftliche Erkenntnis geht.

An manchen Stellen ist Empire of AI ein wenig wie das Lesen über Lyndon Johnson: Wie um alles in der Welt hat diese skrupellose Person am Ende so viel Macht bekommen? Im Gegensatz dazu ist The Infinity Machine eher wie Walter Isaacson über Benjamin Franklin: Wie um alles in der Welt kam dieser brillante Mensch auf so viele gute Ideen?

Ein zentraler Moment dieser Debatte ist „Zug 37“ beim Spiel AlphaGo. Der Computer setzte einen so kontraintuitiven Stein, dass Beobachter von Intuition oder gar Superintelligenz sprachen – ein Punkt, an dem Technologie fast religiöse Züge annimmt. Wilson sieht darin das Muster des Turmbaus zu Babel: den Versuch, die eigene Endlichkeit durch technologische Allmacht zu ersetzen.

Wilsons Kritik dringt unter die optimistische Oberfläche der „Infinity Machine“. Selbst bei moralisch integeren Akteuren bleibt die menschliche Natur fehleranfällig; Genialität schützt nicht vor dem Sündenfall. Die von Hao beschriebenen „imperialen Kosten“ – etwa die Ausbeutung von Klickarbeitern in Nairobi – verdeutlichen, dass technischer Fortschritt ohne ein biblisches Menschenbild lediglich neue Abhängigkeiten schafft. Intelligenz lässt sich simulieren, Weisheit hingegen nicht – sie setzt die Furcht des Herrn voraus.

Letztlich geht es nicht um die Entscheidung zwischen einer Unterdrückungs- oder einer Erlösungsmaschine. Beide Erzählungen offenbaren eine Sehnsucht nach Unendlichkeit, die dem Menschen entgleitet. KI mag Proteine falten oder Spiele gewinnen, doch den Kern des menschlichen Herzens erreicht sie nicht. Angesichts technischer Gigantomanie bietet die Erkenntnis, nicht Gott zu sein, den stabilsten Halt.

Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: thegospelcoalition.org

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