Blinde Flecken in der Predigt? Was wir von der globalen Kirche lernen können.

In einem bedenkenswerten Artikel auf der Webseite The Gospel Coalition argumentiert der amerikanische Pastor Dustin Messer, dass Prediger im Westen die globale Kirche dringend benötigen. Er zeigt auf, wie unsere theologische Perspektive oft durch die eigene Kultur begrenzt ist und wie die Stimmen von Christen aus der Mehrheitswelt uns helfen können, die Schrift tiefer und treuer zu verstehen. Dies ist eine wichtige und demütigende Erinnerung, auch für uns im oft selbstgenügsamen theologischen Kontext Deutschlands.

Messer beginnt mit dem visionären Beispiel des anglikanischen Theologen John Stott. Dieser erkannte bereits 1969 die tiefgreifende demografische Verschiebung des weltweiten Christentums und gründete eine Initiative zur Förderung von Theologen und Predigern in der Mehrheitswelt. Dies geschah, so Messer, nicht aus reiner Wohltätigkeit, sondern aus der strategischen Einsicht, dass eine echte Partnerschaft zum Wohl der ganzen Kirche entstehen müsse. Der zentrale Gedanke des Artikels ist, dass unterschiedliche Lebenskontexte zu unterschiedlichen Fragen an den biblischen Text führen. Messer schreibt: „Die biblischen Antworten, die Gläubige in der Mehrheitswelt finden, werfen ein neues Licht auf vertraute Abschnitte.“

Laut dem Autor ist die Wand zwischen der Auslegung eines Textes (Exegese) und seiner Anwendung durchlässig. Wenn ein Prediger bedenkt, wie das Evangelium auf einen Militärputsch, eine Hungersnot oder eine Naturkatastrophe Anwendung findet, dringt er tiefer in die Dimensionen der Wahrheit Gottes ein. Messer wendet einen bekannten Rat von C. S. Lewis an, der empfahl, alte Bücher zu lesen, um die Denkfehler der eigenen Epoche zu korrigieren. In den Worten des Autors: „Was Lewis über das ‚Zeitalter‘ und die ‚Epoche‘ sagt, kann gleichermaßen über den ‚Ort‘ gesagt werden.“ So wie Gott die alte Kirche gebraucht hat, so gebraucht er heute die Perspektiven nicht-westlicher Theologen, um uns unsere eigenen Götzen – oft die des Komforts und des Wohlstands – aufzuzeigen. Seine Gemeinde, so berichtet er, verwendet oft eine Liturgie der Anglikanischen Kirche von Kenia, die sie wöchentlich beten lässt: „Wir sind gemeinsam gestorben. Wir werden gemeinsam auferstehen. Wir werden gemeinsam leben.“

Der Artikel ist mehr als nur ein Plädoyer für kulturelle Vielfalt; er ist ein Aufruf zur gelebten Katholizität der Kirche. Die Wahrheit des Evangeliums ist universell, und gerade deshalb kann jede Kultur, in die es hineinwirkt, einzigartige Facetten seiner Herrlichkeit widerspiegeln. Für uns in Deutschland ist dies eine Einladung zur Demut: Unser Reichtum an reformatorischem Erbe wird nicht geschmälert, sondern vertieft, wenn wir bereit sind, von unseren Geschwistern aus Afrika, Asien und Lateinamerika zu lernen, wie sie Christus in ihren Kämpfen und Freuden erfahren.

Der vollständige Originalartikel von Dustin Messer ist auf The Gospel Coalition zu finden: https://www.thegospelcoalition.org/article/preacher-need-global-church/

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