Mehr als nur funktional: Eine protestantische Ästhetik wiederentdecken
Die Frage nach der Ästhetik in unseren Gottesdiensträumen wird im Protestantismus oft mit Misstrauen betrachtet. Ist die Sorge um Schönheit eine Ablenkung vom Wort oder gar ein Einfallstor für Götzendienst? In einem nachdenkenswerten Artikel geht der Autor Stephen McAlpine dieser Spannung nach. Er zeigt auf, wie eine historisch begründete Furcht vor dem Götzendienst zu einer problematischen Vernachlässigung der Schönheit geführt hat, die unser Zeugnis in einer visuell geprägten Kultur schwächt.
McAlpine beschreibt, wie seine eigene evangelikal-reformierte Tradition des 20. Jahrhunderts mit Ästhetik zu kämpfen hatte, was er auf eine tief sitzende historische Skepsis zurückführt. Die Furcht war, so schreibt er, dass „wir uns in einem Moment über Farbmuster und Wandstrukturen beugen und im nächsten Moment die Heiligen verehren und wieder über die Transsubstantiation nachdenken.“ Dieser „lange Schweif des Ikonoklasmus“, wie er es nennt, führte nicht nur zu schmucklosen Gebäuden, sondern auch zu einer generellen Geringschätzung der Künste. Das Ergebnis sei oft eine Verkündigung des Evangeliums, die zwar theologisch klar, aber ohne Wärme ist – eher wie der Mond, der das Licht nur reflektiert, anstatt wie die Sonne, die selbst wärmt und belebt.
Der Artikel setzt sich dabei differenziert mit Gegenpositionen auseinander und zitiert die Autorin Karen Swallow Prior. Sie argumentiert, dass auch schlichte protestantische Räume eine eigene Ästhetik und Theologie besitzen. So schaffe etwa die Anordnung der Bänke mit Blick auf die Kanzel einen visuellen Raum, der die Priorität des Wortes unterstreiche. McAlpine stimmt dem jedoch nur bedingt zu. Er argumentiert, dass die alleinige Betonung des Wortes zwei entscheidende Aspekte des Glaubens außer Acht lässt: Erstens, dass das Wort „Fleisch wurde“ und damit die materielle Welt zutiefst bejaht. Zweitens, die Auferstehung, die uns lehrt, dass Gott Körper und Seele nicht trennt, sondern am letzten Tag wieder vereint. Daher, so McAlpine, sollte eine gute Ästhetik in unseren Gebäuden nicht als Luxus, sondern als Vorgeschmack auf die neue Schöpfung verstanden werden – ein Hinweis auf die Schönheit der kommenden Gottesstadt.
McAlpines Analyse ist auch für den deutschen Kontext von großer Bedeutung. Sie erinnert uns daran, dass Gott der Schöpfer aller Schönheit ist und die materielle Welt nicht verachtet, sondern durch die Menschwerdung Christi geheiligt und durch seine Auferstehung zur Erlösung bestimmt hat. Eine wohlüberlegte, schlichte Schönheit in unseren Versammlungsorten ist daher kein Widerspruch zum Evangelium, sondern ein Ausdruck unserer Hoffnung auf die Wiederherstellung aller Dinge in Christus.
Der vollständige Originalartikel „On Aesthetics“ von Stephen McAlpine ist hier zu lesen: https://stephenmcalpine.com/on-aesthetics/
