Der unsterbliche Magen und das leere Versprechen der Selbstoptimierung
Zwei Millionen Dollar pro Jahr für Nahrungsergänzungsmittel, Bluttransfusionen des eigenen Sohnes und ein striktes Abendessen um elf Uhr vormittags: Der US-Tech-Unternehmer Bryan Johnson hat seine Existenz einem einzigen Ziel geweiht – der biologischen Unsterblichkeit. Nun meldet sich der am besten vermessene Körper der Welt mit einer ernüchternden Diagnose auf der Plattform X: „Mein Magen frisst sich selbst auf.“ Bei Johnson wurde eine unheilbare Autoimmungastritis festgestellt.
Kira Kramer analysiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wie dieses Scheitern die fundamentale Illusion der modernen Longevity-Bewegung offenlegt. Diese Milliardenindustrie lebt von dem Versprechen, dass ein lückenlos überwachter Körper berechenbar und damit kontrollierbar werde. Wer jedoch sein Dasein gänzlich der Selbstoptimierung unterwirft, verpasst das eigentliche Leben. Kramer pointiert:
Wer sein Abendessen auf elf Uhr vormittags legt, hat den Abend bereits gestrichen, lange bevor der Tod ihn dazu zwingt.
Am Ende stellt die Autorin die existenzielle Frage des Schriftstellers Benjamin von Stuckrad-Barre an die Lebensverlängerer: „Wozu?“
Dieses einzelne Wort legt die spirituelle Leere einer säkularen Kultur frei. Wer die Ewigkeit verliert, muss die Gegenwart krampfhaft festhalten. Ohne die Hoffnung auf Gottes neue Schöpfung wird die biologische Existenz zum höchsten Gut, das um jeden Preis gesichert werden muss. Der alternde Körper erscheint in dieser Logik nicht mehr als Zeichen menschlicher Geschöpflichkeit, sondern als persönliches Versagen, als Softwarefehler im System. Es ist die biologische Variante der Werkgerechtigkeit: Erlösung durch lückenlose Selbstkontrolle.
Die Heilige Schrift begegnet diesem Kontrollwahn mit wohltuendem Realismus. Der Apostel Paulus beschreibt im Römerbrief eine Schöpfung, die der Vergänglichkeit unterworfen ist und seufzt. Kein Biohacking kann den Fluch des Sündenfalls aufheben. Die christliche Hoffnung unterscheidet sich fundamental von der Sehnsucht nach irdischer Endlosigkeit. Wir erwarten nicht die unendliche Konservierung dieses sterblichen Fleisches durch menschliche Technologie, sondern die Auferstehung des Körpers durch Gottes schöpferische Macht. „Es wird gesät in Verweslichkeit und aufersteht in Unverweslichkeit“, schreibt Paulus im ersten Korintherbrief.
Diese Gewissheit befreit. Wer weiß, dass sein Leben in Gottes Hand geborgen ist und dass der Tod nicht das letzte Wort hat, muss seine biologischen Marker nicht wie ein Aktienportfolio verwalten. Er darf den Abend mit Freunden genießen, Ressourcen für den Nächsten hingeben und sein Leben im Dienst für das Evangelium wagen. Das gesamte Leben dient damit der Liebe zu Gott und den Menschen, nicht der Selbsterhaltung.
Bryan Johnsons Diagnose ist eine Erinnerung an unsere Geschöpflichkeit. Unser Körper ist kein Projekt, das wir fehlerfrei programmieren können, sondern ein Geschenk, das wir eines Tages in die Hände seines Schöpfers zurückgeben dürfen. Das macht uns frei, heute schon wirklich zu leben.
Der verlinkte Artikel ist hier zu lesen: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Paywall).
