Die Wiederentdeckung des Heiligen Geistes für den Alltag
Der anglikanische Theologe Gerald Bray stellt in einem aufschlussreichen Artikel die überraschende These auf, dass die Lehre vom Wirken des Heiligen Geistes erst nach der Reformation voll entfaltet wurde. Während die frühe Kirche die Göttlichkeit des Geistes betonte, war das Erleben seiner Kraft oft einer spirituellen Elite vorbehalten. Brays historischer Überblick hilft uns, die reformatorische Wiederentdeckung eines geisterfüllten Lebens für jeden Gläubigen in seinem Alltag neu wertzuschätzen.
Der Artikel legt dar, dass sich die Theologie der frühen nachapostolischen Kirche vor allem darauf konzentrierte, die Person und Gottheit des Heiligen Geistes zu verteidigen. Selbst die bekannte Formulierung im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, wo der Geist als „Herr und Geber des Lebens“ bezeichnet wird, diente diesem Zweck. Bray schreibt: „Der Nachdruck liegt auf der Gleichheit des Geistes mit dem Vater und dem Sohn … es ist nicht beabsichtigt, sein Werk als vom ihren getrennt zu erklären.“
Über viele Jahrhunderte, so der Artikel, wurde geistliche Erfahrung als etwas Außergewöhnliches angesehen, das einer Elite vorbehalten war – zunächst den Märtyrern, später den Mönchen und Mystikern. Die Reformation brachte hier eine entscheidende Wende, die Bray als die „Entwicklung einer Spiritualität für den gewöhnlichen Gläubigen“ beschreibt. Praktiken wie das tägliche Gebet und Bibellesen, die zuvor als klösterliche Übungen galten, wurden nun zur Grundlage des christlichen Lebens für jedermann. Der entscheidende Durchbruch war jedoch die Neudefinition der Berufung. „Der Begriff der Berufung, der zuvor als Ruf zum Priestertum oder zum klösterlichen Leben verstanden worden war“, so Bray, „wurde nun auf jede Form menschlicher Tätigkeit ausgeweitet.“ Der Handwerker oder Gärtner war in Gottes Augen ebenso heilig wie der Priester.
Diese Lehre führte zu der revolutionären Erkenntnis, dass nur ein geisterfüllter Mensch den Willen Gottes in der Welt tun kann. Geistliche Realität wurde wichtiger als kirchliche Ämter und akademische Titel. Bray schließt jedoch mit einer wichtigen Mahnung für unsere Zeit. Heute neige man dazu, das Pendel in die andere Richtung ausschlagen zu lassen und sich fast ausschließlich auf das Wirken des Geistes zu konzentrieren, während seine Person vernachlässigt wird. „Das Wirken des Heiligen Geistes kann nicht verstanden werden“, schlussfolgert der Autor, „wenn seine göttliche Personalität nicht anerkannt wird.“
Brays Analyse ist mehr als nur ein historischer Rückblick; sie ist eine tiefgreifende Erinnerung an die befreiende Kraft des Evangeliums. Die reformatorische Einsicht, dass der Heilige Geist nicht nur in Klöstern, sondern auch in Werkstätten, Büros und Familien wohnt und wirkt, ist ein direktes Ergebnis der Rechtfertigung allein aus Gnade. Sie ruft uns Christen in Deutschland dazu auf, die künstliche Trennung von „geistlich“ und „weltlich“ zu überwinden und unsere tägliche Arbeit als gottgewollten Dienst zu verstehen, der durch den Geist geheiligt und für Gottes Reich fruchtbar wird.
Der Originalartikel von Gerald Bray, eine Adaption aus seinem Buch God Has Spoken: A History of Christian Theology, ist hier zu lesen: https://www.crossway.org/articles/a-brief-history-of-the-doctrine-of-the-work-of-the-holy-spirit/
