Gesehene Glieder: Über den Umgang mit Behinderung in der Gemeinde
Fast jeder zehnte Mensch in Deutschland lebt mit einer Schwerbehinderung, und doch sind Betroffene in unseren Gemeinden oft kaum sichtbar. Ein bedenkenswerter Artikel von Boris Giesbrecht auf Evangelium21 geht dieser schmerzlichen Realität nach und fragt nach einer biblisch fundierten Perspektive. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist mehr als eine Frage der Barrierefreiheit; sie berührt den Kern unseres Verständnisses von Gemeinde als Leib Christi und der Gnade Gottes für zerbrochene Menschen.
Der Artikel beschreibt zunächst die Gründe für diese Unsichtbarkeit. Neben praktischen Hürden sind es oft gesellschaftlicher Druck und persönliche Unsicherheit, die zu Isolation führen. „Diese Sichtbarkeit ist oft mit Scham behaftet, sodass sich Betroffene und ihre Familien lieber zurückziehen, um Vorurteilen und Verurteilungen zu entgehen.“ Gleichzeitig herrscht aufseiten der „Außenstehenden“ oft eine Unsicherheit, die zu unbeabsichtigter Ausgrenzung führt.
Als Korrektiv entwickelt der Beitrag eine biblische Perspektive auf Behinderung. Er stellt klar, dass Behinderung eine Folge des Sündenfalls in einer gefallenen Welt ist (Röm 8,20-22), aber nicht zwangsläufig auf persönliche Schuld zurückzuführen ist, wie Jesus in Johannes 9,1-3 betont. Vielmehr sollen sich an dem blind geborenen Mann „Gottes Werke offenbaren“. Gott selbst, so wird ausgeführt, lädt bewusst „die Armen, die Verkrüppelten, die Blinden und die Lahmen“ an seinen Tisch ein (Luk 14,21) und erweist so seine Gnade gerade an den Schwachen.
Besonders eindrücklich ist die Mahnung des Artikels, über die rein physische Dimension hinauszublicken. Er zitiert die querschnittsgelähmte Autorin Joni Eareckson Tada, die Menschen, die für ihre Heilung beten wollen, oft antwortet:
„Würdest du bitte Gott bitten, meine verdrießliche Haltung am Morgen loszuwerden? … Lass mich dir einfach all die Dinge erzählen, die in meinem Herzen noch entwurzelt, bekannt, bereut und geheilt werden müssen.“
Diese Worte erinnern daran, dass das tiefste Bedürfnis eines jeden Menschen – mit oder ohne Behinderung – die Versöhnung mit Gott ist. Wie der Artikel am Beispiel des Gelähmten in Markus 2 hervorhebt, vergab Jesus zuerst die Sünden, bevor er den Körper heilte. Unsere größte Not ist nicht unsere körperliche Verfassung, sondern unser geistlicher Zustand vor einem heiligen Gott.
Abschließend fordert der Artikel die Gemeinden auf, nicht nur physische Barrieren wie fehlende Rampen abzubauen, sondern auch soziale und geistliche. Es geht darum, Menschen mit Behinderungen nicht als bloße Empfänger von Fürsorge zu sehen, sondern als „wertvolle Mitglieder der Gemeinde mit einzigartigen Gaben“. Sie sind nicht nur Teil des Leibes Christi, sondern erinnern die ganze Gemeinschaft an eine entscheidende Wahrheit: dass diese gefallene Welt nicht unser endgültiges Zuhause ist und wir alle auf die Erlösung und Wiederherstellung in der kommenden neuen Schöpfung warten.
Die Ausführungen des Artikels sind eine heilsame Anfrage an unsere gemeindliche Praxis. Sie zeigen, dass unser Umgang mit den „schwächsten Gliedern“ (1. Kor 12,22) ein Gradmesser für die Echtheit unseres Bekenntnisses zur Gnade ist. Eine Kirche, die die Zerbrochenheit nicht aushält oder unsichtbar macht, hat das Evangelium von dem Gott, der in Christus selbst schwach wurde, um uns zu retten, noch nicht verstanden. Umgekehrt werden wir mithilfe dieses Verständnisses Gemeinschaften bauen, in denen alle Glieder gesehen, geehrt und als unverzichtbarer Teil von Christi Leib wertgeschätzt werden.
Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: https://www.evangelium21.net/media/4987/behinderungen-in-der-gemeinde-jesu
