Sanftmut in der Seelsorge: Eine christozentrische Stärke

Die Erwartungshaltung an geistliche Leiter ist in unserer Zeit oft hoch und manchmal widersprüchlich. Inmitten des Verlangens nach „kühnen Predigern, harten Predigern – starken, männlichen Predigern“ (Matt Hudson, The Gospel Coalition) droht eine grundlegende christliche Tugend als Schwäche missverstanden zu werden: die Sanftmut. Der Beitrag von Matt Hudson, den wir hier auszugweise betrachten, ermutigt uns, Sanftmut nicht als Schwäche, sondern als eine zutiefst biblische und im Dienst Jesu selbst begründete Stärke zu erkennen.

Hudson beginnt mit einer aufschlussreichen Beobachtung: „Was Pastoren häufig zu hören bekommen, ist der implizite Vorwurf, sie seien schwach, weich und zaghaft, ihre Predigt entbehre der Kühnheit. Das sanfte Wesen eines Pastors wird als Schwäche wahrgenommen. Aber was, wenn Sanftmut tatsächlich mutig ist?“ Er führt aus, dass authentische geistliche Leiterschaft, die sich dem Beispiel Jesu unterordnet, anders aussieht als der laute Ruf der Welt. Wir sollen von Jesus lernen, „der sanftmütig und von Herzen demütig ist“ (Mt. 11,29). Der Autor betont: „Sanftmut ist keine Schwäche. Sanftmut ist Christusähnlichkeit.“

Er verweist auf Matthäus 12,19-20, wo Jesaja prophetisch über Jesus spricht: „Er wird nicht streiten noch schreien, noch wird jemand seine Stimme auf den Gassen hören. Ein geknicktes Rohr wird er nicht zerbrechen, und einen glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Hudson anerkennt, dass Jesus nicht nur sanftmütig war, sondern auch im Tempel die Tische umstieß und die Pharisäer mit Weherufen konfrontierte. Dennoch warnt er davor, diese Dimension zu ignorieren: „Doch die biblische Lehre von seiner Sanftmut aufzugeben, bedeutet, einen verkürzten Jesus zu lehren oder ihm zu folgen.“

Des Weiteren unterstreicht Hudson, dass Sanftmut für Pastoren nicht optional ist. Sie ist eine grundlegende Frucht des Geistes (Gal. 5,22–23), die sich in „Zärtlichkeit“ (1 Thess. 2,7) und der sanftmütigen Korrektur von Irrlehrern (2 Tim. 2,24–25) äußert. Er definiert Sanftmut (griechisch: prautes) als „Stärke unter Kontrolle – die bewusste Zurückhaltung von Macht, ausgeübt mit Weisheit und Liebe. Echte Sanftmut erfordert erhebliche Stärke. Sie ist weder passiv noch schwach.“ Sie bedeutet nicht, Sünde zu ignorieren oder Lügen zuzustimmen, sondern „beherrscht die [eigene] Macht. Sie bedeutet, sich selbst zu zügeln und ‚die anderen höher zu achten‘ als sich selbst (Phil. 2,3).“ Sanftmut und Stärke sind nicht getrennt, sondern untrennbar in der biblischen Seelsorge verbunden, und Jesus selbst verkörperte diese Einheit perfekt. Hudson lädt Pastoren ein, ihre Sanftmut zu kultivieren, indem sie umkehren vom Wunsch, stark zu erscheinen, und stattdessen aufrichtig zuhören, Fragen stellen und demütig ihre eigenen Kämpfe gestehen. Er mahnt: „Sanftmut ist kein Kompromiss. Die Sanftmut Christi als Vorbild anzunehmen, könnte das Mutigste und Kultur-Konträrste sein, was Pastoren tun.“

Die Perspektive Hudsons erinnert uns daran, dass wahre Stärke im Reich Gottes oft anders aussieht, als die Welt es erwartet. Sanftmut ist keine Schwäche, die dem Anspruch eines Hirtenamtes widerspricht, sondern eine göttliche Tugend, die es überhaupt erst Christus-ähnlich macht. Sie liegt in der Demut Christi begründet, der trotz Seiner Gottheit die Gestalt eines Dieners annahm. Für uns in Deutschland, wo eine Sehnsucht nach authentischer Führung spürbar ist, zeigt dies, dass die Botschaft des Evangeliums nicht durch Aggression oder Machtdemonstration, sondern durch die liebevolle und demütige Zuwendung des Hirtenherzens am effektivsten weitergegeben wird. Es ist jene herzliche, wahrhaftige Haltung, die zerbrochene Herzen erreicht und zur Buße führt.

Quelle: Matt Hudson auf The Gospel Coalition: https://www.thegospelcoalition.org/article/gentle-pastor-weak-pastor/

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