Echtzeit-Theologie: Das Evangelium in einer sich wandelnden Welt verkünden

Wie reagieren wir als Gläubige auf eine Welt, die sich rasend schnell verändert? Diese Frage beschäftigt viele von uns, besonders wenn Nachrichtenzyklen immer kürzer werden und kulturelle Strömungen kaum noch zu fassen sind. Andrew Hoffman reflektiert in seinem Beitrag für The Gospel Coalition über die Notwendigkeit einer „Echtzeit-Theologie“ und wie wir als Christen relevant bleiben können, ohne dem Zeitgeist zu erliegen.

Hoffman zitiert Pat Gelsinger, den ehemaligen Intel-CEO, der beklagt, dass Christen das Aufkommen der sozialen Medien „verschlafen“ hätten und somit eine wichtige Plattform für Einflussnahme ungenutzt ließen. Er folgert daraus, dass wir lernen müssen, „aufzutauchen“, also präsent zu sein mit biblischer Weisheit in den entscheidenden Momenten unserer Gesellschaft. Jesus selbst handelte so: „Die Nachricht vom Turmeinsturz in Siloah nutzte er als Gelegenheit, um zu lehren, dass die Notwendigkeit zur Buße universell ist (Lukas 13,4–5). Die Wasserzeremonien zum Laubhüttenfest bildeten den Kontext für sein Angebot des ,lebendigen Wassers‘ (Johannes 7,37–38).“

Die Herausforderung für uns heute ist immens. So wie die Medien unsere Aufmerksamkeit ständig vereinnahmen, drohen sie uns auch zu überwältigen. Kann man da noch theologisch klar denken? Hoffman meint ja, wenn wir eine „theologische Vision“ entwickeln.

Was beinhaltet eine solche theologische Vision? Bezugnehmend auf Richard Lints und Tim Keller definiert Hoffman sie als „eine Vision dessen, was man mit seiner Lehre in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort tun wird.“ Es geht darum, biblische Wahrheit nicht nur zu kennen, sondern sie konkret auf die Fragen unserer Zeit anzuwenden.

Drei Schritte schlägt Hoffman vor, um dies zu kultivieren:

  1. Unseren post-christlichen Kontext verstehen: Wir müssen uns bewusst mit unserer Zeit auseinandersetzen, aber stets durch eine biblische Brille. Keller bemerkt treffend: „In 2000 Jahren haben wir nie gelernt, wie Mission an einem post-christlichen statt an einem vor-christlichen Ort funktioniert.“ Dies erfordert sorgfältige Informationsaufnahme und das Zurückerobern unserer Aufmerksamkeit von polarisierenden Quellen.
  2. Die relevanten Themen identifizieren und mit unserem Glaubensrahmen verbinden: Emotionale Reaktionen auf Nachrichten können Anhaltspunkte sein. Statt Frustration passiv hinzunehmen, sollen wir aktiv die Wurzeln unserer Empfindungen suchen. Worüber ärgern wir uns? Welche tieferen Fragen nach menschlicher Identität, göttlicher Souveränität oder Erlösung schlummern darunter? Dies führt uns zurück zu den Fundamenten unseres konfessionellen und biblischen Verständnisses.
  3. Vom Dogma zur konkreten Anwendung fortschreiten: Hier geht es nicht um bloße moralische Urteile, sondern darum, die breite Erzählung der Heilsgeschichte Gottes mit den aktuellen Fragen zu verbinden. Hoffman gibt ein prägnantes Beispiel: „Wenn wir uns zum Beispiel gegen homosexuelle Praxis aussprechen, aber die umfassendere und reichere, wunderschöne Geschichte der biblischen Sexualethik nicht kommunizieren, verpassen wir eine wichtige Evangeliumschance.“ Stattdessen sollten wir fragen: Welche guten menschlichen Sehnsüchte liegen diesem Thema zugrunde? Wie korrigiert eine theologische Perspektive irreführende Wünsche? Und vor allem: Wie erfüllt Christus unsere guten Sehnsüchte besser, als es unsere Kultur je könnte?

Diese Herangehensweise ermöglicht uns, in Seelsorge, Predigt und Lehre die Emotionen, die „heiße Themen“ auslösen, in zielgerichtete Evangeliumsverkündigung zu kanalisieren. So zeigen wir uns „präsent“ mit einer Echtzeit-Theologie, die konkret in unsere aktuelle Situation hineinspricht. Es geht darum, die zeitlosen Wahrheiten des Evangeliums Jesu Christi so zu verkünden, dass sie die Herzen der Menschen erreichen und ihnen helfen, in einer sich ständig wandelnden Welt festen Halt zu finden. Eine solche theologische Visionsbildung macht sowohl unseren persönlichen Dienst als auch den unserer Gemeinden effektiver, fruchtbarer und erfüllender.

Quelle: The Gospel Coalition

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