Psalm 119: Mehr als 176 einzelne Aussagen – Eine Reise der Seele
Der 119. Psalm ist für viele Gläubige ein faszinierendes Buch der Bibel. Seine schiere Länge und die scheinbare Wiederholung mögen auf den ersten Blick herausfordernd wirken, doch David VanDrunen lädt uns in seinem Artikel „Psalm 119 Isn’t 176 Independent Statements“ ein, diesen Psalm mit neuen Augen zu lesen. Er argumentiert überzeugend, dass der 119. Psalm keine bloße Ansammlung unabhängiger Aussagen ist, sondern eine zusammenhängende theologische und existenzielle Reise.
VanDrunen leitet seine Analyse mit dem Gedanken ein, dass viele Leser dazu neigen, jeden Vers des Psalms isoliert zu betrachten, obwohl dies der Tiefe des Textes nicht gerecht wird. „Wenn Leser die breitere Bewegung im Auge behalten“, so der Autor, „werden sie den Psalm mit neuen Augen studieren, ihre Wertschätzung dafür steigern und ihn bereichernder finden.“ Diese Einladung zur ganzheitlichen Betrachtung ist bemerkenswert und öffnet den Blick für eine tiefere theologische Resonanz.
Vom Ideal zur harten Realität
Der Psalm beginnt, wie VanDrunen darlegt, mit einem „idealen Bild von Gehorsam und Segen“, einem Portrait der makellosen Treue zum Gesetz Gottes. Der Psalmist stellt sich als vollständig der Thora hingegeben dar. Doch schnell vollzieht sich eine Wendung: Der Psalmist nennt sich selbst einen „Fremdling“ (V. 19). Diese Selbstbezeichnung ist, wie der Artikel richtig hervorhebt, irritierend, denn ein Rechtschaffener im verheißenen Land sollte sesshaft sein, nicht umherziehend wie die Patriarchen vor der Sesshaftwerdung Israels.
Wenn Leser die breitere Bewegung im Auge behalten, werden sie den Psalm mit neuen Augen studieren, ihre Wertschätzung dafür steigern und ihn bereichernder finden.
In den folgenden Strophen beschreibt der Psalmist großes Leid und Verfolgung, obwohl er sich eingangs als gesetzestreu präsentierte. Wir fragen uns, wie VanDrunen ausführt: Warum sollte er, ein Gerechter, solche Strafen erleiden? Die Antwort offenbart sich erst später: Der Psalmist gesteht, dass er einst gegen Gott rebellierte und dafür bestraft wurde. Doch er bereute und fand den Wert des Gesetzes neu. Diese theologische Einsicht ist zentral: Der Weg des Gläubigen ist oft von Sünde und Buße geprägt, nicht von makelloser Perfektion. Auch nach der Buße bleibt das Leid des „Fremdlings“ bestehen, doch die Perspektive ändert sich: Das Gesetz Gottes wird nun nicht nur als Urteil, sondern auch als Hoffnung der Erlösung wahrgenommen.
Die Hoffnung auf den Guten Hirten
Der Psalm, besonders in seiner zweiten Hälfte, mündet in eine tiefe Reflexion über das Leiden und die Hoffnung. Der Psalmist bittet um Gottes Gericht über seine Feinde, beschreibt Leidenschaften wie Sehnsucht und Eifer und mündet in Gebet und Lobpreis. Dennoch endet der Psalm nicht mit einer triumphierenden Bestätigung seiner Vollkommenheit, sondern mit der Klage: „Ich irre umher wie ein verlorenes Schaf; suche deinen Knecht!“ (V. 176). Diese scheinbar antiklimaktische Aussage offenbart, wie VanDrunen betont, einen tiefen Schrei des Glaubens und eine Erwartungshaltung, die uns direkt zu Christus führt.
Dieser letzte Vers ist eine Brücke ins Neue Testament. Er erinnert uns an die vielen Stellen im Alten Testament, die Israel als verlorene Schafe darstellen, die eines Hirten bedürfen. So ist das Ende des Psalms „eine passende Einladung an uns, Christen des neuen Bundes, unsere Bibeln weiterzulesen und zu staunen, wie Gott die letzte Bitte des Psalmisten beantwortet hat.“ Gott sandte Christus als den „guten Hirten“ (Joh 10,14), der nicht nur die verlorenen Schafe Israels sammelte, sondern auch einen „Ernteertrag von Heiden“ (Joh 10,16). So können wir mit Petrus sagen: „Ihr wart wie Schafe, die in die Irre gingen; jetzt aber seid ihr umgekehrt zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen“ (1 Petr 2,25).
Die Erkenntnis, dass Psalm 119 keine Aneinanderreihung von Einzelversen ist, sondern eine zusammenhängende Erzählung von Sünde, Leid, Glauben, Buße und der erwartungsvollen Hoffnung auf den kommenden Hirten, ist zutiefst tröstlich. Sie lehrt uns, nicht nur den Text, sondern auch unsere eigene Glaubensreise in einem größeren Kontext zu sehen – geleitet von der souveränen Hand Gottes und endend in der Gnade Christi.
Quelle: The Gospel Coalition
