Das Wort, das uns liest: Über die Souveränität der Schrift

Wir treten oft an die Heilige Schrift heran wie an einen Steinbruch: Wir suchen uns die Stücke heraus, die in unser aktuelles Lebensgebäude passen, und lassen den Rest liegen. Dabei verwandeln wir das Wort Gottes schleichend in ein Echo unserer eigenen Vorlieben. Doch eine Bibel, die uns nie widerspricht, ist wahrscheinlich gar nicht die Bibel, sondern ein Zerrbild unserer selbst.

In einem Vortrag auf dem „Bibel & Bekenntnistag“ in Esslingen widmete sich Albrecht Wandel der entscheidenden Frage, wie wir die Schrift heute verstehen – nach unserem eigenen Gutdünken oder so, wie Gott es beabsichtigt hat. Laut Wandel steht dabei nicht weniger als das Erbe der Reformation auf dem Spiel. Er erinnert daran, dass die Reformatoren die Bibel nicht als ein dunkles, rätselhaftes Buch betrachteten, das erst durch kirchliche Experten entschlüsselt werden müsste. Stattdessen vertrauten sie auf die claritas scripturae – die Klarheit der Schrift.

Die Reformation hat die Bibel neu ins Zentrum gestellt – als klar verständliches Wort Gottes, das nicht der Willkür menschlicher Deutung unterliegt. […] Wie können wir Gottes Wort so auslegen, dass es Maßstab für Glauben und Leben bleibt – und nicht zum Spielball subjektiver Meinungen wird?

Der Artikel berichtet von der Notwendigkeit, an dem Grundsatz „Was Christum treibet“ festzuhalten. Dieser lutherische Schlüssel zur Schriftauslegung ist kein Freibrief, Teile der Bibel gegen andere auszuspielen, sondern die Aufforderung, das gesamte Wort von seiner Mitte – dem Evangelium von Jesus Christus – her zu lesen. Wandel warnt davor, die Autorität der Schrift durch subjektive Befindlichkeiten zu ersetzen.

Diese theologische Weichenstellung ist für die geistliche Gesundheit jeder Gemeinde elementar. Wenn die Klarheit der Schrift geleugnet wird, entsteht ein Machtvakuum, das zwangsläufig durch menschliche Instanzen gefüllt wird – sei es durch ein autoritäres Lehramt oder, was heute weitaus häufiger geschieht, durch das Diktat des individuellen Gefühls. Die reformierte Tradition, wie sie sich auch in den 39 Artikeln widerspiegelt, betont hingegen, dass die Schrift alles enthält, was zur Errettung notwendig ist (Artikel VI). Das bedeutet: Gott hat sich so mitgeteilt, dass wir ihn verstehen können. Seine Rede ist nicht vage.

Bibeltreue bedeutet in diesem Sinne nicht den Rückzug in einen sterilen Fundamentalismus, sondern die Unterordnung unter einen Text, der die Vollmacht hat, uns zu korrigieren. Ein biblisches Verständnis von Autorität setzt voraus, dass wir nicht über dem Wort stehen, sondern unter ihm. Das Evangelium ist keine Knetmasse, die wir an den Zeitgeist anpassen dürfen, damit sie geschmeidig bleibt. Es ist das scharfe Schwert, das unsere Motive prüft und uns genau dort begegnet, wo wir Veränderung am nötigsten haben. Wer die Bibel „nach seinem Willen“ auslegt, beraubt sich selbst der Chance, von Gott wirklich angesprochen zu werden. Wahre Freiheit finden wir nicht in der kreativen Umdeutung der Gebote, sondern in der Bindung an das Wort, das uns den Weg zum Leben weist.

Die entscheidende Prüfung für unseren Umgang mit der Schrift bleibt: Lassen wir zu, dass der Text uns liest, anstatt dass wir ihn lediglich für unsere Zwecke benutzen?

Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: bibelundbekenntnis.de

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