Der Glaube als Retter des Westens? Warum das Evangelium kein Kulturprogramm ist
Wenn viertausend Menschen in der Londoner Olympia-Halle zusammenkommen, um über den Verfall der westlichen Kultur zu beraten, liegt ein Hauch von Schicksalsgemeinschaft in der Luft. Die Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship (ARC) endete mit einem vehementen Plädoyer des Denkers Os Guinness. Laut einem Bericht von Christian Today forderte Guinness den Westen auf, zu seinen biblischen Grundlagen zurückzukehren. Freiheit, Menschenwürde und Gerechtigkeit seien keine historischen Zufälle, sondern direkte Früchte der jüdisch-christlichen Offenbarung.
Der Appell ist historisch treffend. Guinness verweist auf das hebräische Wort für Umkehr – Teschuwa – und beschreibt die westliche Kultur als entfremdet und verloren. Sie müsse schlicht „nach Hause kommen“. Auch der Autor Eric Metaxas betonte auf der Konferenz, dass echte Selbstregierung ohne den Glauben an den Gott der Bibel historisch unmöglich sei. Zum Abschluss rief Baroness Philippa Stroud dazu auf, den Wiederaufbau gesellschaftlicher Institutionen auf moralischen und geistlichen Fundamenten zu beginnen.
„Es führt kein Weg an der Tatsache vorbei, dass im Kern jeder Diskussion [über die Erneuerung der Zivilisation] der Ort von Religion und Glauben steht“, sagte Guinness.
Dieser bürgerliche Konservatismus, der sich hier mit christlicher Apologetik verbündet, wirft jedoch eine entscheidende theologische Frage auf: Welchen Glauben meinen wir eigentlich, wenn wir von der Rettung des Westens sprechen? Es besteht die ständige Gefahr, das Evangelium zu einem bloßen Werkzeug für die Stabilisierung demokratischer Institutionen zu degradieren. Wenn die Heilige Schrift primär deshalb geschätzt wird, weil sie das verlässlichste Betriebssystem für gesellschaftlichen Zusammenhalt liefert, wird der Schöpfer funktionalisiert.
Der Glaube, von dem das Neue Testament spricht, dient nicht der Bewahrung eines politischen Status quo, sondern der Erlösung des Sünders. Umkehr im biblischen Sinne bedeutet nicht die Rückkehr zu einer nostalgisch verklärten Zivilisationsgeschichte, sondern die Kapitulation vor dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Wo der Glaube nur als moralischer Kitt für eine bröckelnde Gesellschaft instrumentalisiert wird, verliert er seine rettende Kraft und erstarrt zur bürgerlichen Ideologie.
Die Früchte des Evangeliums – Freiheit, das Recht des Einzelnen, die Heiligkeit des Lebens – sind real. Wir dürfen und müssen sie verteidigen, gerade gegenüber einer Kultur, die ihre eigenen Wurzeln abschneidet. Doch diese Früchte wachsen nur an einem lebendigen Baum. Wer die Früchte ohne den Stamm und die Wurzeln der biblischen Wahrheit beansprucht, wird scheitern. Wer aber den Baum nur pflanzt, um im Schatten seiner gesellschaftlichen Vorteile ein sicheres Leben zu führen, verkennt den Gärtner.
Die eigentliche Aufgabe für christliche Gemeinden liegt daher nicht darin, sich in den Dienst eines kulturpolitischen Wiederaufbauprogramms zu stellen. Unsere Berufung bleibt es, Christus zu verkündigen. Wenn das Evangelium Herzen erneuert, hat dies unweigerlich heilsame Auswirkungen auf Familien, Schulen und die Gesellschaft – als Geschenk der Gnade, nicht als politisches Zweckmittel.
Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: Christian Today
