Evangelisation: Ein Auftrag für die ganze Gemeinde – und was das für uns bedeutet

Fühlen Sie sich manchmal schuldig, weil Sie nicht „evangelistisch genug“ sind? Die Erwartung, ständig und bei jeder Gelegenheit den Glauben teilen zu müssen, kann für viele Christen, besonders jene, die eher introvertiert sind oder sich nicht als wortgewandt empfinden, zu einer schweren Last werden. Doch ist Christsein tatsächlich nur etwas für Extrovertierte, die in jedem Gespräch das Evangelium platzieren können?

Ein aktueller Artikel geht dieser Frage nach und kommt zu einer bemerkenswerten Erkenntnis: Die gängige Vorstellung von persönlicher Evangelisation, wie sie oft in Gemeinden vermittelt wird, ist in der Bibel in dieser spezifischen Form weniger direkt zu finden, als wir annehmen mögen. Ohne die unbestreitbare Notwendigkeit der Evangelisation zu schmälern, stellt der Autor fest, dass die meisten expliziten Aufforderungen zum Predigen und Verbreiten des Wortes Gottes sich an Gemeindeleiter, Prediger oder die Apostel richten (vgl. 2Tim 4,1–2.5; Röm 10,14–15). Das Buch der Apostelgeschichte berichtet vom umfassenden Auftrag der Apostel zur Evangelisation und Gemeindegründung (vgl. Apg 14,21–23), doch konkrete Verse, die jeden einzelnen Christen zur persönlichen Evangelisation auffordern, sind in dieser Häufigkeit nicht vorhanden.

Allerdings zeichnet der Artikel kein unvollständiges Bild. Er betont, dass die Bibel sehr wohl auch jeden Gläubigen zum Zeugnis beruft. Der Apostel Petrus mahnt uns, Rechenschaft über unsere Hoffnung ablegen zu können (vgl. 1Petr 3,15), und die Waffenrüstung Gottes in Epheser 6 umfasst Stiefel der „Bereitschaft zum Zeugnis für das Evangelium des Friedens“ (V. 15). Auch die Korinther wurden dazu angehalten, das Heil der Ungläubigen nicht gleichgültig zu betrachten (vgl. 1Kor 7,12–16; 14,23–25), und die Gemeinde in Thessalonich war bekannt dafür, dass von ihr das Wort des Herrn „erklang und ausgebreitet wurde“ (vgl. 1Thess 1,8). Es ist also klar: Das Evangelium soll nicht in der Gemeinde bleiben, sondern durch sie hindurch anderen zukommen.

Ein zentraler Punkt des Artikels ist die Auslegung des Missionsbefehls in Matthäus 28. Obwohl diese Passage oft als direkte Anweisung an jeden Christen verstanden wird, weist der Autor darauf hin, dass Jesus sie primär an die elf Jünger richtete (vgl. Mt 28,16–18). Wir als heutige Gläubige beziehen diesen Befehl zwar zu Recht auf uns – die Verheißung, dass Jesus „alle Tage bis an der Welt Ende“ bei ihnen sein wird, unterstreicht dies –, doch die praktische Umsetzung verdeutlicht eine wichtige Nuance: Die meisten von uns warten nicht in Jerusalem auf den Heiligen Geist, gehen nicht buchstäblich „in alle Welt“ und taufen nicht selbst. Unser intuitives Verständnis zeigt bereits, dass der Missionsbefehl als Auftrag an die Gemeinde als Ganzes zu verstehen ist, nicht als direkte Aufgabenbeschreibung für jeden einzelnen Christen. Jeder soll seinen Beitrag leisten, entsprechend seiner Berufung und Begabung.

Diese Unterscheidung ist entscheidend und befreiend. Der Verfasser warnt davor, Evangelisation zum einzigen oder dominierenden Merkmal eines treuen Christen zu machen. Er kritisiert eine Predigtweise, die ständig ein schlechtes Gewissen erzeugt und den Zuhörern das Gefühl vermittelt, nie genug zu tun. Diese „Nie genug“-Mentalität kann erdrückend wirken und verzerrt unser Verständnis von Gottes Gnade und unserer Berufung. Gottes Souveränität in der Errettung, wie sie in der reformierten Theologie betont wird (vgl. Röm 9–10), entlastet uns davon, dass das Heil anderer von unseren unzulänglichen Bemühungen abhängt. Wir werden nicht dazu berufen, Sünder zu retten – das ist Gottes Werk –, sondern das Evangelium weiterzugeben, so wie er uns geschaffen und in unseren Lebensumständen Möglichkeiten schenkt.

Für uns als reformierte Anglikaner ist diese Perspektive besonders wertvoll. Sie unterstreicht die Ekklesiologie des Leibes Christi (vgl. 1Kor 12), in dem jeder Glied seinen eigenen, von Gott gegebenen Platz und seine spezifische Gabe hat. Der Missionsbefehl ist der Auftrag an die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen. Dieser Auftrag wird erfüllt durch treue Prediger und Missionare, durch Gläubige, die spenden und beten, durch ein Leben, das das Evangelium durch Güte und Gastfreundschaft anziehend erscheinen lässt, und ja, auch durch persönliche Gespräche und Zeugnisse – aber eben nicht ausschließlich durch diese. Die Frage ist nicht, ob wir evangelisieren sollen, sondern wie wir dies als ganze Gemeinde tun und wie jeder Einzelne seinen Teil dazu beitragen kann, frei von unnötigem Druck und falscher Schuld.

Gott hat uns unterschiedlich erschaffen. Manche sind zum Prediger oder Missionar berufen, andere finden ihre Berufung im persönlichen Gespräch, im Schreiben, in der Gastfreundschaft oder einfach durch ein überzeugendes Leben im Alltag. Der Herr möchte, dass wir ein Herz für die Verlorenen haben und die offenen Türen nutzen, die er uns gibt. Doch er erwartet nicht, dass wir alle extrovertiert und wortgewandt sind, um jedes Gespräch auf das Evangelium zu lenken. Unsere Aufgabe ist es, das Evangelium, das uns erreicht hat, in Treue weiterzugeben, und zwar so, wie Gott uns persönlich geschaffen und begabt hat.

Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: Evangelium21

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