Eine offene Wunde: Die „Große Ausstoßung“ von 1662 und die Frage der Gewissenstreue
Ein Artikel auf der Webseite anglicanism.info erinnert an ein traumatisches Ereignis in der Geschichte der Kirche von England: die sogenannte „Große Ausstoßung“ von 1662. Auf den ersten Blick eine Episode aus ferner Vergangenheit, wirft sie doch zeitlose Fragen auf über das Verhältnis von biblischer Wahrheit, kirchlicher Ordnung und dem Gewissen des Einzelnen. Für Christen in Deutschland, die sich in etablierten wie in freien Kirchen mit dem Druck zur Konformität konfrontiert sehen, bietet diese Geschichte bedenkenswerte Parallelen.
Der Artikel berichtet, dass infolge des Uniformitätsgesetzes von 1662 zwischen 1.000 und 2.000 puritanische Pfarrer – schätzungsweise 20 % der gesamten Pfarrerschaft – aus ihren Ämtern in der Kirche von England vertrieben wurden. Der Anlass war die Einführung des überarbeiteten Book of Common Prayer. Doch wie der Autor klarstellt, lag das Problem für viele nicht im Gebetbuch selbst, sondern in der Forderung, ihm eine „unverfälschte Zustimmung zu allem und jedem, was darin enthalten und vorgeschrieben ist“ zu geben. Diese absolute und bedingungslose Unterwerfung unter ein menschliches Werk konnten viele Geistliche nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, da sie eine solche Hingabe allein der Heiligen Schrift vorbehielten.
Entgegen dem heute oft negativen Zerrbild waren die Puritaner, wie der Artikel ausführt, keine engstirnigen Eiferer, sondern jene, die ihr geistliches Leben besonders ernst nahmen – ein Historiker nannte sie die „heißere Sorte von Protestanten“. Sie waren Anglikaner, die sich eine weitergehende, an der Schrift orientierte Reformation der Kirche wünschten. Ihre geistliche Tiefe war so groß, dass der anglikanische Theologe J.I. Packer über sie urteilte: „Die Puritaner waren genau dort am stärksten, wo die Protestanten heute am schwächsten sind.“ Die Ausstoßung dieser treuen Männer bezeichnete der anglikanische Bischof J.C. Ryle später als einen „Schaden für die Sache der wahren Religion in England, der wahrscheinlich nie wiedergutgemacht werden wird.“
Die Geschichte der Ausgestoßenen von 1662 ist mehr als nur Kirchengeschichte; sie ist eine ernüchternde Lektion über den Preis der Treue. Sie erinnert uns daran, dass die Loyalität zu Christus und seinem Wort über der Loyalität zu einer Institution stehen muss, selbst wenn diese Institution die eigene Kirche ist. In einer Zeit, in der auch in Deutschland theologischer und ethischer Druck auf Christen wächst, ermutigt uns ihr Beispiel, unsere letzte Sicherheit nicht in kirchlichen Strukturen, sondern allein im Evangelium zu suchen und unser Gewissen an die Schrift zu binden.
Der ursprüngliche Artikel ist hier zu finden: https://www.anglicanism.info/writing/the-great-ejection
