Die Kette der Dankbarkeit: Wer seine geistigen Eltern ehrt, gewinnt

Ein Komponist schreibt ein Klagelied auf seinen Lehrer und zitiert darin die Klage, die dieser einst auf seinen eigenen Meister verfasste. Im 15. und 16. Jahrhundert war das bei Binchois, Ockeghem, Josquin oder Gombert gängige Praxis. Ephraim Radner nennt diese Gattung déploration und bringt ihre Logik auf den Punkt: Wer seine geistigen Eltern ehrt, gewinnt; wer sie verleugnet, verarmt.

Radners Artikel beschreibt, wie selten diese Traditionskette geworden ist. Die klassische Festschrift stirbt aus; Wissenschaftler seien heute eher darauf aus, ihre Vorgänger zu verwerfen und Neuheit zu behaupten, statt Erhaltenes weiterzuführen. Mit Blick auf Harold Blooms The Anxiety of Influence – das Prägung als ödipales Ringen deutet – spricht Radner von einer Epoche des Vatermords. Dass die Diagnose zugespitzt ist, räumt er selbst ein.

Der Unterschied liegt im Blickwinkel. Die alte Klage stellt den Verstorbenen in eine verbindliche Ordnung: Dieser Mensch hat bewahrt, was uns alle formt. Die moderne Würdigung kreist um das Ich: Du hast mir geholfen, der zu werden, der ich bin. Radner zeigt das an seiner eigenen Biografie. Sein Klavierlehrer war Schüler Dohnányis, der bei Thomán lernte, dem Lieblingsschüler Liszts. Seinem Vater, einem Ökonomen, ging er lange aus dem Weg und mied dessen Mathematik. Als der Vater beim Tod seiner Lehrer weinte, verstand der Sohn es nicht. Erst heute, schreibt er, sei ihm der Vater „als göttliches Licht“ aufgegangen.

Durch die Heilige Schrift zieht sich derselbe Faden. Das fünfte Gebot nennt Paulus „das erste Gebot mit Verheißung“ (Eph 6,2–3) – und seine Gültigkeit endet nicht an der eigenen Haustür. Auch die Weitergabe des Glaubens ist als Kette gedacht: „Und was du von mir gehört hast vor vielen Zeugen, das befiehl treuen Menschen an, die tüchtig sind, auch andere zu lehren“ (2 Tim 2,2). Ähnlich mahnt der Hebräerbrief: „Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach“ (Hebr 13,7). Das ist déploration in biblischer Gestalt: der Dank für jene, durch die Gott andere beschenkt.

Darin liegt eine Absage an das Selbstgenügsamkeitsdenken. Wer behauptet, alles aus sich selbst geschöpft zu haben, leugnet das Geschenkte. Paulus hielt den korinthischen Vorbehalten entgegen: „Was hast du aber, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1 Kor 4,7). Ein geistlicher Vatermord wiederholt im Kleinen das Grundmuster des Sündenfalls: die Weigerung, Empfangenes als Geschenk zu achten. Glaubendes Leben beruht auf dem Vernehmen und Empfangen – die Rechtfertigung gilt aus Gnade, aber auch Sprache, Denken und Berufung sind uns letztlich zugefallen.

An dieser Stelle braucht Radners These allerdings Korrektur. Sein Urteil lässt kaum Raum für notwendige Brüche. Es gibt Väter, die zerstören. Psalm 27,10 spricht davon: „Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.“ Und Jesus stellt klar, dass die Liebe zu Vater oder Mutter nicht über der Nachfolge stehen darf (Mt 10,37). Selbst die Reformation war ein Bruch, den Rom als Vatermord verurteilte. Luther, Cranmer und ihre Weggefährten verstanden sich jedoch anders: Sie griffen auf noch ältere Väter wie Augustin zurück und prüften jede Tradition an der Schrift. Wenn Jesus das Elterngebot verteidigt, tut er das im Konflikt mit Schriftgelehrten, die Gottes Gebot „um eurer Überlieferung willen“ außer Kraft setzten (Mt 15,3–6). Ehrfurcht vor Lehrern fordert daher eigenständiges Prüfen – wie bei den Beröern, die täglich nachschlugen, „ob sich’s so verhielte“ (Apg 17,11). Die Kette hält, wo sie im Wort Gottes verankert bleibt. Bricht ein Glied, muss man nicht das Ganze verwerfen; es gilt, das Gute zu bewahren und Verfehltes zu bereuen, selbst wenn die Schuld bei den Vorgängern lag.

Ein zweiter Vorbehalt gilt dem Schluss. Radner zitiert Ockeghem („betet für seine Seele“) und sieht im Gebet das Gegengift zum Zorn. Das trifft zu, solange damit der Dank gemeint ist. Für eine Fürbitte zugunsten der Verstorbenen bietet die Schrift jedoch keinen Anhaltspunkt – Artikel XXII der Anglikanischen 39 Artikel verwirft die Fegefeuerlehre, auf der dieses Gebet ruht. Wir dürfen Gott für unsere Lehrer danken und sie getrost dem gerechten und gnädigen Richter überantworten. Christus hat dem Tod den Stachel genommen, den Ockeghem vor Augen hatte: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg“ (1 Kor 15,54).

Hinter allen menschlichen Lehrern steht letztlich der Vater, „der der rechte Vater ist über alles, was Kinder heißt im Himmel und auf Erden“ (Eph 3,15). Christus ehrte diesen Vater bis ans Kreuz: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Durch seinen Gehorsam sind wir als Kinder angenommen. Aus dieser Zusage heraus lässt sich auf die eigene Prägung blicken – auf vorbildhafte wie auch auf enttäuschende Gestalten. Wem verdanken wir unser Beten, unser Lesen, unseren Glauben? Und wem können wir das noch sagen, solange dafür Zeit ist?

Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: A Culture of Parricide (Ephraim Radner)

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