Das Abendmahl als Tisch der Bedürftigen: Warum Selbstprüfung nicht zur Selbst-Exkommunikation führen sollte
Das Abendmahl beginnt, und plötzlich senken sich die Köpfe in einer Mischung aus ehrfürchtiger Stille und nackter Gewissensnot. Bin ich bereit? Habe ich genug bereut? Sean DeMars beschreibt in seinem Artikel „Sollten Christen, die mit Sünde ringen, auf das Abendmahl verzichten?“ genau diese Lähmung: Man bleibt in der Bank sitzen, während die anderen nach vorne gehen, verfolgt von den Sünden der vergangenen Woche. Der Tisch des Herrn wirkt dann nicht wie ein Fest der Gnade, sondern wie ein theologisches Minenfeld. DeMars warnt davor, dass eine falsch verstandene Selbstprüfung Gläubige dazu treibt, sich faktisch selbst zu exkommunizieren.
Der Autor legt den Finger auf ein verbreitetes Missverständnis von 1. Korinther 11. Wenn Paulus dort vor einem „unwürdigen“ Essen warnt, fordert er keine minutiöse Sünden-Inventur des Einzelnen, um eine Eintrittskarte zu erwerben. Vielmehr tadelte Paulus das gemeinschaftliche Verhalten in Korinth: Die Reichen aßen sich satt, während die Armen hungerten. Das Abendmahl wurde zur Zurschaustellung von Spaltung, statt die Einheit des Leibes Christi zu feiern. DeMars zitiert dazu treffend den Theologen Mark Taylor:
Paulus’ Perspektive ist gemeinschaftlich. Sich selbst zu prüfen bedeutet, die eigene … Art und Weise zu prüfen, wie man mit anderen Gemeindemitgliedern umgeht.
Laut DeMars ist das Problem in Korinth nicht die private, unvollkommene Heiligung gewesen, sondern ein Verhalten, das das Evangelium der Versöhnung direkt konterkarierte. Wer seinen Bruder verachtet, verachtet den Leib Christi. Hier setzt die notwendige Korrektur an: Die biblische Selbstprüfung zielt auf die Wiederherstellung von Beziehungen innerhalb der Gemeinde, nicht auf das Erreichen eines subjektiven Gefühls moralischer Reinheit.
Diese Unterscheidung ist für unser Verständnis der Gnadenmittel zentral. Die reformierte Theologie betont, dass wir eben in dem Wissen zum Tisch kommen, dass wir aus uns selbst heraus nicht würdig sind. DeMars argumentiert folgerichtig: Nur unbußfertige Sünde, die eine formelle Gemeindezucht nach sich zieht, oder offener Unglaube sollten den Weg zum Kelch versperren. Wer mit seinen Sünden ringt, gehört genau dorthin – an den Ort, an dem Christus die Schwachen stärkt.
Ein pastoraler Blick auf die Praxis zeigt, wie oft wir das Evangelium durch psychologischen Druck ersetzen. Wenn Pastoren den Tisch so „schützen“, dass die Verzagten fernbleiben, verkehren sie die Absicht des Herrn ins Gegenteil. Das Abendmahl ist Christi Geschenk an Sünder in Not. Wer sich seiner Unwürdigkeit am meisten bewusst ist, erkennt am klarsten die Notwendigkeit des vergossenen Blutes. Die Prüfung des Herzens sollte uns nicht in die Selbstisolation führen, sondern zur Umkehr und zum Frieden mit dem Nächsten.
Wer hungrig ist, soll essen. Wer durstig ist, soll trinken. Wer unter der Last seiner Verfehlungen ächzt, findet am Tisch des Herrn die leibhaftige Zusage, dass seine Schuld am Kreuz getilgt wurde. Christus lädt nicht die Gerechten, sondern die Sünder. Wer das begreift, braucht nicht länger gelähmt in der Bank sitzen zu bleiben.
Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: evangelium21.net
