Der leere Platz am Tisch des Herrn
Stellen Sie sich ein Ehepaar vor, das seit Wochen treu Ihre Gottesdienste besucht, die Predigt schätzt und sich herzlich in die Gemeinschaft einbringt. Doch wenn am Sonntagabend der Kelch gereicht wird, bleiben ihre Hände leer. Nicht etwa, weil sie dem Glauben abgeschworen hätten, sondern weil sie als Kinder getauft wurden – und Ihre Gemeinde dies nicht als gültige Taufe anerkennt. Vor genau diesem Szenario steht Jamie Southcombe in seinem Artikel für 9Marks.
Der Autor berichtet von der pastoralen Herausforderung, die entsteht, wenn überzeugte Pädobaptisten (also Verfechter der Kindertaufe) eine Baptistengemeinde besuchen. Laut Southcombe geraten Pastoren hier oft unter pragmatischen Druck: Man will niemanden verlieren, erst recht nicht in einer kleinen Gemeinde. Dennoch plädiert er für eine klare Linie. Seine Argumentation ruht auf drei Pfeilern: Die Taufe ist ein Gebot Christi, sie ist die Voraussetzung für das Abendmahl, und nur Gläubige seien rechtmäßige Empfänger der Taufe. Daraus folgert er konsequent:
„Ein Verständnis von theologischer Priorisierung (Triage) hilft Gemeinden zu verstehen, dass es Christen gibt, mit denen wir zwar die Ewigkeit teilen werden, aber an einem Sonntagmorgen nicht dasselbe Gebäude.“
Southcombe schlägt vor, solche Gäste liebevoll zu beraten, ihnen eine sechsmonatige Bedenkzeit einzuräumen, in der sie das Abendmahl nur beobachtend miterleben, und sie schließlich – falls sie bei ihrer Überzeugung bleiben – in eine andere Gemeinde zu verabschieden.
Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er sich gegen einen seichten Pragmatismus stellt. Er erkennt richtig, dass die Sakramente keine privaten Symbole sind, sondern öffentliche Zeichen der Zugehörigkeit zum Leib Christi. In einer evangelikalen Landschaft, die oft zur Beliebigkeit neigt, ist sein Ruf nach theologischer Integrität und einem hohen Verständnis der Gemeindeordnung ein notwendiges Korrektiv. Er möchte keine „Baptisten-Individuen“, sondern eine „Baptisten-Kirche“.
Doch hier liegt die entscheidende Bruchstelle. Wenn Southcombe davon spricht, dass die Taufe der „erste Schritt des Gehorsams“ sei, offenbart dies ein Verständnis, das die Taufe primär als eine menschliche Handlung – ein Bekenntnis des Gläubigen – begreift. Aus einer reformierten, biblisch-anglikanischen Perspektive greift dies zu kurz. Die Taufe ist zuerst und vor allem ein Handeln Gottes. Sie ist das Siegel seiner Bundesverheißung, das uns zugesprochen wird, noch bevor wir darauf antworten können. Wer die Kindertaufe als bloße „Begrüßungszeremonie“ ohne sakramentale Realität abtut, setzt die Gültigkeit des göttlichen Versprechens herab und macht sie von der subjektiven Qualität des menschlichen Glaubensvollzugs abhängig.
Die Konsequenz, die Southcombe zieht – dass gläubige Christen vom Tisch des Herrn ausgeschlossen werden, weil ihre Taufe „ungültig“ sei –, schmerzt. Wenn wir im Glaubensbekenntnis die „eine Taufe zur Vergebung der Sünden“ bekennen, dann ist es ein schwerwiegender Schritt, Mitchristen den Zugang zum Sakrament der Einheit zu verwehren. Die Heilige Schrift zeichnet das Bild eines Bundes, der Familien umschließt (Apg 16,31) und in dem die Kinder der Gläubigen „heilig“ sind (1. Kor 7,14). Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass auch Kinder am Abendmahl teilnehmen sollten. Wer aber diese Bundestheologie wie hier im Fall von gläubigen Erwachsenen beiseiteschiebt, die eine biblisch verantwortbare alternative Überzeugung vertreten und aus der heraus Glaubensgehorsam darin besteht, sich nicht erneut taufen zu lassen, der läuft Gefahr, eine Form der Exkommunikation von Brüdern und Schwestern zu schaffen, die aufgrund ihres Glaubens einen sicheren Platz beim eschatologischen Festmahl des Herrn innehaben werden. Der von Paulus gelehrte Umgang mit dem „schwächeren Bruder“ wird zugunsten eigener Überzeugungen ignoriert.
Wahre Einheit nach Johannes 17 verlangt nicht, dass wir theologische Differenzen ignorieren. Aber sie verlangt, dass wir das objektive Werk Gottes in der Taufe höher gewichten als unsere ekklesiologischen Definitionen. Ein Tisch, an dem nur die sitzen dürfen, die das exakt gleiche Verständnis des Taufritus teilen, droht zu einem Tisch der Gleichgesinnten zu werden, statt der Tisch des einen Herrn zu bleiben. Für Christen in Deutschland bedeutet das: Wir dürfen die Gewissen nicht binden, wo die Schrift Freiheit lässt, und wir sollten zögern, Zäune dort zu errichten, wo Christus die Tür geöffnet hat.
Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: 9Marks
