Die Abuja-Erklärung 2026: „Die Zukunft ist angekommen“
Veröffentlicht am 6. März 2026 | Von der Redaktion von anglikanisch.net
Während in Deutschland der Frühling Einzug hält, wurde heute im nigerianischen Abuja Kirchengeschichte geschrieben. 347 anglikanische Bischöfe und 121 weitere kirchliche Leiter aus 27 Kirchenprovinzen haben die „Abuja Affirmation“ verabschiedet. Es ist ein Dokument, das nicht am grünen Tisch entstand, sondern im gemeinsamen Gebet errungen wurde – und das mit einem klaren Satz die Richtung weist: „The future has arrived“ – Die Zukunft ist angekommen.
Ein Moment der Entscheidung
Vom 3. bis 6. März 2026 versammelte sich die Global Anglican Future Conference (Gafcon) in Abuja. Wer die Berichte aus Nigeria liest, spürt schnell: Dies war keine gewöhnliche Kirchenkonferenz mit trockenen Anträgen. Es war eine geistliche Versammlung, geprägt von Lobpreis, Buße und der dringenden Frage: Wie bleiben wir dem Evangelium treu?
Über der Konferenz stand das biblische Leitwort aus Josua 24,15: „Wählt euch heute, wem ihr dienen wollt. Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.“
Diese Entschlossenheit mündete heute in der „Abuja Affirmation“. Die vielleicht wichtigste Nachricht: Der ursprüngliche Plan, einen einzelnen neuen „Primus“ (einen leitenden Erzbischof) zu wählen, wurde verworfen. In einer bewegenden nächtlichen Gebetszeit kamen die Leiter zu der Überzeugung, dass es nicht um eine neue Machtposition gehen darf, sondern um eine breitere Verantwortung.
Stattdessen wurde der Global Anglican Council ins Leben gerufen – eine breitere, gemeinschaftliche Leitung, die nicht nur Erzbischöfe, sondern auch Bischöfe, Kleriker und Laien mit Stimmrecht einschließt. Erzbischof Laurent Mbanda (Ruanda) wird dem Council vorstehen, unterstützt von Erzbischof Miguel Uchôa (Brasilien) und Bischof Paul Donison als Generalsekretär.
Strukturwandel statt Stillstand: Ein Vergleich
Um die Tragweite der Entscheidung zu verstehen, lohnt sich ein direkter Vergleich. Die neue Struktur ist keine Kopie des Alten, sondern eine bewusste Korrektur:
| Merkmal | Traditionelle Anglikanische Gemeinschaft | Global Anglican Council (Neu) |
|---|---|---|
| Führung | Erzbischof von Canterbury (historisch bedingt) | Gewählter Vorsitzender & Generalsekretär (zeitlich begrenzt) |
| Basis | Historische Bindung an die Institution (Canterbury) | Bekenntnis zur biblischen Lehre (Jerusalem Declaration) |
| Entscheidung | Oft dominiert von westlichen Bischöfen | Global und gemeinschaftlich: Laien, Klerus & Bischöfe stimmberechtigt |
| Ausrichtung | Institutionelle Einheit („Walking together“) | Missionarischer Auftrag („Great Commission“) |
| Zukunft | Treffen oft von Konflikten blockiert | GAFCON V geplant für 2028 in Athen |
Besonders die Wahl von Athen für die nächste Konferenz im Jahr 2028 ist symbolträchtig: Es geht zurück zu den Wurzeln der frühen Christenheit in Europa, in eine Stadt, in der Paulus das Evangelium in eine philosophisch geprägte Kultur trug.
Stimmen aus der weltweiten Kirche
Die Resonanz auf die Abuja-Erklärung zeigt, dass hier nicht nur Afrika spricht, sondern eine globale Allianz:
- Rick Warrens Appell: Der bekannte US-Pastor Rick Warren, Gastredner in Abuja, ermutigte die Leiter mit eindringlichen Worten: „Ein großes Engagement für den große Missionsbefehl und den großen Auftrag wird eine große Gemeinschaft wachsen lassen.“ Er bot den Bischöfen seine Unterstützung an und erinnerte daran, dass Integrität oft unbequem ist, aber das Fundament für echten Segen bildet.
- Klarheit aus Nigeria: Für die Gastgeber war die Richtung klar. Ein Delegierter aus Nigeria fasste es gegenüber der Presse in Pidgin so zusammen: „Gafcon dey created to guard and proclaim biblical truth globally“ – Gafcon ist da, um die biblische Wahrheit weltweit zu bewahren und zu verkünden.
- Die Zahlen-Frage: Der Religion News Service merkte an, dass Gafcon zwar vielleicht nicht 85 % aller nominellen Anglikaner vertritt (sondern eher 50-60%). Allerdings bezieht sich diese Zahl auf den Anteil praktizierender Anglikaner. Während in der Church of England sonntags nur noch etwa 700.000 Menschen den Gottesdienst besuchen, sind es allein in Nigeria schätzungsweise 18 Millionen. Die geistliche Dynamik liegt heute eindeutig im Globalen Süden und bei Gafcon.
Was bedeutet das für uns in Deutschland?
Für uns als reformiert-anglikanische Christen in Deutschland ist die Abuja-Erklärung eine doppelte Ermutigung.
Zum einen schafft sie Klarheit. Wir haben die Gemeinschaft nicht verlassen, sondern wir bewahren ihren ursprünglichen Kern: „Wir sind die Gemeinschaft“.
Zum anderen erleben wir Zugehörigkeit. Die Abuja-Erklärung erwähnt das Anglican Network in Europe namentlich als „treues Zeugnis“. Das bedeutet: Unsere kleine Gemeinschaft hier ist keine isolierte Insel, sondern Teil einer vitalen, weltweiten Bewegung. Wir sind nicht allein: wir haben einen „geistlichen Heimathafen“.
Ein Kommentar der Redaktion
Die Abuja-Erklärung ist kein Paukenschlag der Wut, sondern ein Dokument der geistlichen Nüchternheit. Dass die Leiter in Abuja auf die Wahl eines einzelnen, mächtigen „Gegen-Papstes“ verzichtet haben und stattdessen eine dienende Team-Struktur wählten, nötigt Respekt ab. Es zeigt: Hier geht es nicht um Machtpolitik, sondern um den Dienst am Evangelium.
Der Bischof von Tasmanien, Richard Condie, fand zwar harte Worte, als er vor „vielen Antichristen“ in den alten Strukturen warnte (vgl. 1. Johannes 2,18). Diese drastische Sprache sollte nicht den Kern der Sache verdecken: Es ist Zeit für Klarheit.
Die Neuordnung der anglikanischen Gemeinschaft bedeutet für uns nicht weniger Einheit, sondern eine Einheit, die wieder auf einem festen Fundament steht. Auch die neuen Strukturen müssen aktiv gehegt und geschützt werden. Wir blicken mit Zuversicht auf die kommenden Jahre – bis 2028 in Athen und darüber hinaus. Möge der Herr diesen Moment gebrauchen, um seine Kirche weltweit zu erneuern.
