Wenn der Eifer die Liebe frisst: Über theologische Präzision und geistliche Einheit

Manchmal scheint es, als wäre theologische Genauigkeit der schnellste Weg zur Spaltung. Wir ringen um die Wahrheit – und finden uns dabei im Streit mit Geschwistern wieder, die wir doch lieben sollten. Gavin Ortlund packt in einem offenen Brief dieses schmerzhafte Paradox an: Wie halten wir an biblischer Lehre fest, ohne die Einheit des Leibes Christi zu zerreißen?

Ortlunds Kernanliegen ist klar: Die Einheit der Gemeinde ist keine Nebensache, die erst nach allen theologischen Spitzfindigkeiten Beachtung findet. Sie ist das Ergebnis des Kreuzes, ein integraler Bestandteil unseres Lebens als Volk Gottes, wofür Jesus starb und das Evangelium uns ruft. Der Autor fordert uns auf, unseren theologischen Eifer zu prüfen. Ist er von echter Liebe getragen oder von einem Geist, der nach Fehlern sucht und die eigene Gerechtigkeit füttert? Ortlund zitiert hierzu den Puritaner Richard Baxter, dessen Warnung nichts an Aktualität eingebüßt hat:

Satan wird jede Art von Strenge vortäuschen, wenn er durch diese nur die Liebe abtöten kann. Wenn du in dir eine Strenge hinsichtlich bestimmter Meinungen […] wiederfindest, die nur dazu beiträgt, die Liebe der Menschen abzutöten […], dann wird Satan dein Gehilfe sein.

Baxters Worte hallen nach, besonders in einer Zeit, in der theologische Streitigkeiten oft in Verachtung münden. Wir vergessen, dass wir es mit Brüdern und Schwestern zu tun haben, für die Christus sein Blut vergoss. Ortlund illustriert diese Haltung mit der bemerkenswerten Freundschaft zwischen Charles Spurgeon und dem anglikanischen Dichter George Herbert. Obwohl Spurgeon als Baptist das „Hochkirchentum“ zutiefst ablehnte, hatte er eine „warme Ecke im Herzen“ für Herbert, weil er Christus liebte. Diese Haltung ist kein theologischer Relativismus; sie ist die logische Folge einer Identität, die nicht auf unserer eigenen theologischen „Korrektheit“ ruht, sondern allein im Evangelium Jesu Christi.

Von einer reformiert-anglikanischen Warte aus ist Ortlunds Plädoyer für eine „theologische Triage“ – das bewusste Unterscheiden zwischen essenziellen Heilsfragen und sekundären Lehrpunkten – von größter praktischer Bedeutung. Unser Bekenntnis, das sich in der Jerusalemer Erklärung und den 39 Artikeln widerspiegelt, stellt die Schrift als höchste Autorität über alles, warnt aber gleichzeitig vor einem sektiererischen Individualismus. Wahre Orthodoxie zeigt sich nicht nur in der Fehlerfreiheit unserer Dogmatik, sondern vor allem in der Demut des Herzens. Führen unsere theologischen Überzeugungen dazu, anderen Gliedern am Leib Christi mit Geringschätzung zu begegnen, dann missbrauchen wir die Lehre nicht als Wegweiser zum Kreuz, sondern als Sockel für unseren eigenen Hochmut.

Theologische Klarheit ist entscheidend, aber sie wird zur Karikatur ihrer selbst, wenn sie die Liebe vergisst. Ein Glaube, der die feinsten dogmatischen Linien zieht, aber seinen Bruder nicht mehr als von Gott Geliebten erkennt, ist geistlich leer. Die Frage an uns als Gemeinden in Deutschland ist: Können wir leidenschaftlich für die Wahrheit einstehen, ohne die Gemeinschaft zu zerbrechen? Das erfordert Opfer – das Opfer, nicht immer das letzte Wort haben zu wollen, das Opfer, die eigene theologische „Sicherheit“ dem gemeinsamen Zeugnis unterzuordnen. Das eigentliche Ziel gesunder Lehre ist nie der Triumph über den Andersdenkenden, sondern immer die gemeinsame Anbetung des Herrn, der uns in seiner unfassbaren Gnade zusammengeführt hat.

Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: evangelium21.net

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