Die Synthese von Glauben und Denken: Warum wir Herman Bavinck wiederentdecken müssen

Wer heute theologische Tiefe sucht, greift oft zu den bekannten Klassikern der Reformationszeit oder des englischen Puritanismus. Doch ein Name, der im angelsächsischen Raum seit Jahren eine beachtliche Renaissance erlebt, blieb im deutschen Sprachraum bisher weitgehend ein Geheimtipp: der niederländische Neocalvinist Herman Bavinck (1854–1921). Das ist ein bedauerliches Versäumnis, denn Bavincks Denken bietet genau das, wonach viele Christen heute suchen – eine kompromisslose Treue zur Heiligen Schrift, gepaart mit einer wachen, intellektuellen Offenheit für die Fragen der modernen Welt.

In einer Episode von Evangelium21 sprechen Ron Kubsch und Samuel Wiebe mit dem Schweizer Theologen Dr. Hanniel Strebel über das bleibende Vermächtnis dieses großen Denkers. Das Gespräch macht deutlich, dass Bavinck weit mehr hinterlassen hat als ein monumentales systematisches Werk. Seine Theologie atmet eine Weite, die auf der Souveränität Gottes über die gesamte Schöpfung gründet. Der Anlass dieses Gesprächs ist zudem ein verlegerischer Meilenstein: Im Herbst erscheint Bavincks vierbändige Reformierte Dogmatik erstmals vollständig in deutscher Übersetzung im Verlag Verbum Medien.

Dr. Hanniel Strebel, der über Bavincks „Theologie des Lernens“ promoviert hat, legt im Podcast dar, dass Bavinck sich weigerte, Glaube und Wissenschaft, Frömmigkeit und Kultur in feindliche Lager zu spalten. Laut Strebel zeigt Bavinck uns einen Weg, wie Christen intellektuell redlich lernen können, ohne ihr biblisches Fundament zu opfern. Seine Theologie basiert auf der Überzeugung, dass die Gnade die Natur nicht aufhebt, sondern sie wiederherstellt und vollendet. Diese reformierte Grundwahrheit bewahrt uns vor zwei gleichermaßen gefährlichen Irrwegen: dem säkularen Kompromiss auf der einen und dem ängstlichen, kulturfeindlichen Rückzug auf der anderen Seite.

Bavincks Relevanz für die Gegenwart liegt in seiner tiefen Verankerung in der biblischen Bundestheologie. Er verstand, dass Gottes Offenbarung in der Schöpfung (die allgemeine Offenbarung) und Seine Offenbarung im Wort (die besondere Offenbarung) kein Widerspruch sind. Weil Gott der Schöpfer und Erlöser ist, ist alle Wahrheit letztlich Seine Wahrheit. Das gibt dem Gläubigen die Freiheit, mutig zu lernen, die Wissenschaften zu erforschen und die Kultur zu gestalten, während das Herz fest im Evangelium von Jesus Christus verankert bleibt. Für eine Kirche, die in einer zunehmend nachchristlichen Kultur nach Orientierung sucht, ist diese Haltung von unschätzbarem Wert. Sie befreit uns von einer defensiven Mentalität und befähigt uns, der Welt mit einer „nüchternen Herzlichkeit“ und intellektueller Substanz zu begegnen.

Das Wiederentdecken von Herman Bavinck ist daher kein akademischer Selbstzweck. Es ist eine Einladung, die intellektuelle Tiefe des historischen christlichen Glaubens neu zu schätzen und sie fruchtbar zu machen für die Fragen unserer Nachbarn, Kollegen und der Gesellschaft, in der Gott uns platziert hat.

Der vollständige Artikel und das dazugehörige Gespräch sind hier zu finden: Evangelium21

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