J. C. Ryle: Zeitlose Wahrheit in unruhiger Zeit

In einer Zeit, in der viele Christen in Deutschland Orientierung suchen, kann ein Blick in die Geschichte des Anglikanismus überraschend erhellend sein. Der anglikanische Theologe Andrew Atherstone zeichnet in einem lesenswerten Artikel für Crossway das Porträt von John Charles Ryle (1816–1900), einem der bedeutendsten evangelikalen Geistlichen in der Kirche von England im 19. Jahrhundert. Ryles Leben und Wirken inmitten tiefgreifender gesellschaftlicher und kirchlicher Umbrüche bietet ein ermutigendes Vorbild für einen bibeltreuen und evangeliumszentrierten Glauben.

Atherstone situiert Ryles Dienst in der dynamischen und konfliktreichen viktorianischen Ära – eine Zeit der Industrialisierung, aber auch der zunehmenden Säkularisierung und theologischer Auseinandersetzungen innerhalb der anglikanischen Kirche zwischen katholisierender, liberaler und evangelikaler Strömung. In diesem Umfeld, so der Artikel, wurde Ryle zu einer prägenden Stimme des biblischen Protestantismus. Nach seiner Bekehrung zum christlichen Glauben und einem unerwarteten Bankrott seiner Familie fand er seinen Weg ins Pfarramt, wo er vor allem durch seine schriftstellerische Tätigkeit bekannt wurde.

Sein bevorzugtes Medium war das Traktat – eine kurze, direkte und anwendungsorientierte Schrift, die auf eine persönliche Antwort des Lesers abzielte. Der Artikel hebt hervor, dass Ryles Titel oft provokante Fragen waren: „Ist dir vergeben?“, „Bist du glücklich?“, „Bist du heilig?“. Atherstone zitiert Ryles eindringlichen Appell aus einem seiner Traktate zum Gebet: „Warten Sie auf nichts. Warten Sie auf niemanden. Das Warten kommt vom Teufel. So wie Sie sind, gehen Sie zu Christus.“ Schätzungen zufolge, so berichtet der Artikel, waren zu seinen Lebzeiten zwölf Millionen Exemplare seiner Traktate im Umlauf. Obwohl Ryle als erster Bischof von Liverpool berufen wurde, liegt sein bleibendes Vermächtnis in seinen Schriften, die nach einer Phase des Vergessens Mitte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt wurden und heute weltweit mehr gelesen werden als je zuvor.

Ryles Wirken ist eine kraftvolle Erinnerung daran, dass das Herz des reformatorischen Anglikanismus nicht in institutioneller Selbsterhaltung oder liturgischer Ästhetik liegt, sondern in der klaren, mutigen und herzlichen Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus. Sein Beispiel ermutigt uns, auch in einem theologisch pluralistischen und zunehmend säkularen Umfeld in Deutschland nicht die Zuversicht zu verlieren, sondern auf die Kraft des Wortes Gottes zu vertrauen, das Herzen verändern kann.

Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel „J. C. Ryle, ‚the Prince of Tract Writers’“ von Andrew Atherstone, erschienen bei Crossway. Der vollständige englische Text ist hier zu lesen: https://www.crossway.org/articles/jc-ryle-the-prince-of-tract-writers/

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