Wunder im Nachbarsitz: Warum wir Freunde zum Gottesdienst einladen
Stellen Sie sich vor, Sie laden Freunde zum Gottesdienst ein, und genau in dem Moment, in dem diese in zerrissenen Jeans die Bank beziehen, referiert der Diakon vorne über die geistliche Notwendigkeit korrekter Sonntagskleidung. Jairo Namnún beschreibt in seinem Artikel für Radical genau dieses Szenario aus seiner Studienzeit. Das Ergebnis war wenig überraschend: Die Freunde verließen die Kirche noch vor dem Segen und kehrten nie zurück.
Namnún nutzt dieses traumatische Erlebnis nicht, um für eine oberflächliche Anpassung an den Zeitgeist zu werben. Vielmehr analysiert er die tieferliegende Hemmung, die viele Christen verspüren, wenn es darum geht, Außenstehende in die Gemeinschaft der Heiligen einzuladen. Wir fürchten oft, dass unsere Freunde sich unwohl, verurteilt oder schlichtweg gelangweilt fühlen könnten.
Unsere Einladungen bekehren keine Menschen, aber sie bringen sie dorthin, wo Bekehrung möglich ist. Gott liebt die Gemeinde, und er gebraucht Gemeinden, um Menschen zu retten.
Der Autor erinnert daran, dass der rettende Glaube laut Römer 10,17 aus dem Hören der Predigt kommt. Wer Menschen vom Wort Gottes fernhält, nur um ihnen ein kurzes Unbehagen zu ersparen, entzieht ihnen das einzige Mittel, durch das Gott Wunder an verhärteten Herzen wirkt. Laut Namnún ist es geradezu zu erwarten, dass ein Nichtglaube in der Gegenwart des lebendigen Gottes eine gewisse Fremdheit verspürt. Diese Irritation ist jedoch nicht das Problem – sie ist oft der erste Schritt zur Selbsterkenntnis vor Gott.
An dieser Stelle verdient der Artikel eine nähere theologische Einordnung. Namnún unterscheidet messerscharf zwischen dem notwendigen „Anstoß des Kreuzes“ und unnötigen kulturellen Hürden. Für uns bedeutet das: Wir müssen uns niemals für die biblische Lehre, das Gebet oder den Ruf zur Buße entschuldigen. Diese Dinge sind das Herzstück unseres Dienstes. Aber wir sollten sehr wohl bereit sein, die Form unseres Gottesdienstes – unsere Liturgie – zu erklären. Eine biblisch fundierte Liturgie ist kein Hindernis, sondern ein Geländer. Wenn wir erklären, warum wir bekennen, warum wir singen und warum das Wort im Zentrum steht, nehmen wir den Gästen die Verwirrung, ohne die Wahrheit zu verwässern.
Die Verantwortung des Einzelnen endet nicht mit der ausgesprochenen Einladung. Namnún plädiert für eine pastorale Aufmerksamkeit, die über Marketing-Fragen hinausgeht: Werden Gäste begrüßt? Können sie den Liedern folgen? Gibt es nach dem Gottesdienst Raum für Fragen? Diese Fragen dienen nicht der Selbstinszenierung der Gemeinde, sondern sind praktischer Ausdruck der Nächstenliebe. Es geht darum, dem Evangelium den Weg zu ebnen, indem wir menschliche Barrieren abbauen, während wir die Souveränität Gottes respektieren.
Letztlich ist jede Einladung ein Akt des Vertrauens darauf, dass Gottes Wort nicht leer zurückkehrt, wie Jesaja 55 verspricht. Es ist nicht unsere Aufgabe, die perfekte Atmosphäre für eine Bekehrung zu schaffen. Unsere Aufgabe ist es, treue Zeugen zu sein, die ihre Türen weit öffnen und darauf vertrauen, dass der Heilige Geist durch das gepredigte Wort Leben schafft – selbst dort, wo wir es am wenigsten erwarten.
Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: radical.net
