Verblasste Gefühle: Glaubensreife als „belastbare Liebe“
„Ich weiß es in meinem Herzen“ – dieser Satz gilt heute fast als unfehlbares Bekenntnis. In einer Kultur, die sich zwar rational gibt, ihre wichtigsten Entscheidungen aber meist aus dem Bauch heraus trifft, ist das Gefühl zur heiligen Instanz geworden. Wie Michael Jensen in seinem aktuellen Essay beobachtet, macht dieser Trend vor der Kirchentür nicht halt. Er beschreibt die Geschichte von „Laura“, die als Teenager eine hochemotionale Bekehrung erlebte. Gott war spürbar, das Gebet ein Feuerwerk. Doch Jahre später, zwischen Windelwechseln und Berufsalltag, ist die emotionale Intensität verflogen. Übrig bleibt die bange Frage: Glaube ich überhaupt noch?
Jensen warnt davor, dieses Problem mit billigen Antworten abzutun. Wer Laura sagt, ihr Glaube sei nur „subjektiv“ gewesen und sie müsse lediglich mehr dogmatisches Wissen anhäufen, verkennt die menschliche Realität. Ein Glaube, der das Herz nicht berührt, ist kein biblischer Glaube. Doch wer das Gefühl zum Maßstab der Wahrheit macht, baut auf Sand. Jensen sucht einen dritten Weg: Die Reifung von der berauschenden Verliebtheit hin zu einer belastbaren Liebe.
„Die Gemeinde, die den erfahrungsbezogenen Aspekt des Evangeliums leugnet, mag Apologeten hervorbringen, aber sie wird keine Christen hervorbringen.“
Laut Jensen liegt der Schlüssel in der Einübung geistlicher Rhythmen. Während unsere Kultur Wiederholung als „unauthentisch“ brandmarkt, sieht er in der Liturgie ein lebensnotwendiges Training. Wenn die eigenen Worte fehlen oder das Herz schweigt, tragen uns die alten Gebete und Bekenntnisse der Kirche. Sie sind wie ein eingeübter Bewegungsablauf beim Sport: In der Krise greift der Körper auf das zurück, was zur zweiten Natur geworden ist. Der Glaube stützt sich dann nicht auf die aktuelle Wetterlage der Seele, sondern auf die objektive Geschichte Gottes mit seinem Volk.
Aus reformierter Sicht ist diese Einordnung befreiend. Das Evangelium ist keine Nachricht über unseren inneren Zustand, sondern über eine äußere Tatsache: Christus ist für Sünder gestorben und auferstanden. Diese Wahrheit steht fest, egal ob wir uns heute „geistlich“ fühlen oder völlig leer sind. Unsere Gewissheit ruht extra nos – außerhalb von uns – in den Verheißungen Gottes. Die Sakramente und die gottesdienstliche Liturgie sind die sichtbaren und hörbaren Anker dieser Zusage. Sie erinnern uns daran, dass wir Teil eines Bundesvolkes sind, dessen Geschichte viel größer ist als unsere private Biografie.
Die Analogie zur Ehe, die Jensen anführt, trifft den Kern: Das anfängliche Herzklopfen muss einer tieferen, oft unspektakulären Treue weichen. Eine reife Beziehung bewährt sich gerade in der Alltäglichkeit eines „nassen Dienstags“. So ist es auch mit Gott. Er bleibt uns nahe, nicht nur in den Stunden der Ekstase, sondern gerade auch in den Zeiten der emotionalen Trockenheit. Wer lernt, Gott auch in der eigenen „Gefühllosigkeit“ zu vertrauen, entdeckt eine Substanz, die das bloße Gefühl weit übersteigt.
Der vollständige Artikel ist hier zu lesen: Michael Jensens Substack
